Stiftung Freiräume

WAS SIND WELT UND LEBEN?

Materie im Wandel - an Beispielen


1. Dynamische Materie in Selbstorganisierung
2. Materie im Wandel - an Beispielen
3. Wahrheit und Wahrnehmung

Jeder Teil dieser Erde kann als Beleg für die Dynamik von Materie herhalten, denn Veränderbarkeit und Entwicklung zu immer komplexeren Strukturen mit neuen Eigenschaften ist dem Stofflichen grundsätzlich inne. Allerdings lässt sich das in vielen Fällen nur über sehr lange Zeiträume sichtbar machen, während andere Beispiele sehr schnelle Dynamiken zeigen. Der Kopf bietet dafür ein beeindruckendes Beispiel.

Das Gehirn: Alles Denken, Begreifen und Erinnern ist Materie - aber hochdynamisch
Denken fühlt sich als vom Stofflichen abgehobener Vorgang an. Der eigene Gedanke, Träume, Ängste - sie alle führen nicht direkt sichtbaren, körperlichen Symptomen. Das hat in der Geschichte zu Annahmen geführt, es gäbe eine geistige Sphäre - bis hin zu Überhöhungen, diese bestünde auch unabhängig von der materiellen Basis, über den Tod hinaus oder verbände als geistige Matrix alles Leben.
Allerdings gelingt der modernen Hirnforschung schon seit längerer Zeit der Nachweis, dass alles, was Menschen oder andere Lebewesen denken, sich im Gehirn messen lässt. Ob es den ForscherInnen irgendwann auch gelingt, die Gedanken vom Inhalt her auszulesen, ist offen. Immerhin ist es schon gelungen, den Insektenflug per Kabel ins Gehirn von einem winzigen Mikrochip auf dem Rücken zu steuern. Das kann angesichts der heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Besorgnis erregen, wird der gesamte wisschenschaftlich-technische Fortschritt doch zur Steigerung von Macht (Überwachung und Militär) und Profit genutzt. Doch diese Befürchtungen sind für die Fragestellung hier weniger bedeutend. Denn die Feststellung reicht, dass Denken eine materielle und daher eben auch messbare Grundlage hat. Dieser ist nicht nur ungeheuer dynamisch, sondern auf sich selbst zurückwirkend. Jeder Gedanke ist nicht nur ein materieller Vorgang, sondern erzeugt auch selbst - wie jeder andere Impuls aus Körper oder Umgebung - eine materielle Reaktion.
Daher gilt für das Gehirn, was insgesamt der Materie eigen ist - aber hier in besonderer Weise: Die geschichtliche Vorstellung von statischen Gegebenheiten ist überholt. Materie ist Dynamik, und Leben ist Materie von besonderer Dynamik. 15 Prozent der verbrauchten Energie im Körper gehen ins Gehirn. Das allein dokumentiert eindrucksvoll, wie umfangreich das materielle Geschehen im Kopf ist. Wäre es nur Antenne für göttliche Ideen oder immateriellen Geist, bräuchte es diese dauernde Aktivität wohl nicht. Der Kopf ist eine gigantische Produktionsstätte im ständigen Wandel. Ständig entstehen neue Verbindungen und Knotenpunkte - und in diesem Gewirr materialisiert sich alles, was wir mit Denken, Wahrnehmen und Empfinden umschreiben. Nichts, was wir tun, bleibt ohne Spuren. Und jede Spur, die neu gezogen wird, verändert die materielle Ausstattung, mit der wir leben. Das erfolgt zudem in ständiger Rückkopplung.
Die moderne Hirnforschung startete mit der dogmatischen Position, dass alles Denken, Gefühl und Bewusstsein seine Ursache in materiellen und messbaren Vorgängen hat. Sie hatte Recht damit - den wirren Ideen externer Götter, morphogenetischer Felder oder Geistkörper wird, wer die Dynamik von Materie begreift, eine deutliche Abfuhr erteilen. Nur: Damit war und ist wenig erklärt. Denn der Kopf ist kein Computer mit einem Chip, der einmal gefertigt aus der Fabrik kommt und dann die immer gleiche Art des Rechnens zeigt, bis er per Kurzschluss zu einem Haufen lebloser Materie wird. Die fast unendlich vielen, winzigen Teile des Kopfes sind in ständiger Bewegung, verändern sich und vor allem die Verbindungen zwischen sich. Erinnerung wird nicht wie bei einer Magnetfestplatte statisch eingebrannt, sondern basiert auf noch weitgehend unerforschte Weise gerade auf der Dynamik der Materie. Alles, was wir wahrnehmen, denken, fühlen oder erinnern, läuft als materieller Vorgang im Gehirn ab. Dadurch aber verändert es dieses wiederum. Es gibt keine Möglichkeit, über das Hirn zu forschen, ohne das erforschte und das forschende Gehirn dadurch zu verändern. Hirnforschung verändert, wie jeder andere Gebrauch des Gehirns, den Gegenstand der Forschung selbst. Es gibt also gar keinen Zustand mehr, der erfasst werden kann im Sinne von: So ist es! Sondern nur: So könnte es eben gewesen sein. Nichts bleibt, wie es war, beschrieben werden kann nur eine Dynamik und höchstens ein Zustand, der im Moment der Beschreibung schon vorbei ist. Das ergibt eine schöne Vorstellung des Gehirns: Es ist nicht zu fassen - jeder Versuch, die Hirnforschung zu benutzen, um den „richtigen“ Menschen festzuschreiben oder zu konstruieren, muss scheitern. Und zwar nicht, weil Denken oder Geist doch etwas Immaterielles, Göttliches oder Ähnliches ist, sondern weil Materie so dynamisch ist, dass sie sich nicht festmachen lässt.

Im Original: Nervenzellen und Synapsen
Zitat über Synapsen
Synapsen sind "Orte extremer Annährung" zwischen Nervenzellen, Nerven- und Muskelzellen oder Drüsenzellen. Dabei gehen die Zellen keine unmittelbare Verbindung ein, es bleibt ein Abstand von ca 20 nm: der synaptische Spalt, der durch die prä- und postsynaptsiche Membran begrenzt wird. Im Gegensatz zu den selten vorkommenden elektrischen Synapsen kann bei chemischen Synapsen das ankommende Aktionspotential diese Entfernung nicht überbrücken. Spezielle Überträgermoleküle (Transmitter) vermitteln zwischen den Zellen, so dass eine gerichtete Signalübertragung erfolgt. ...
Chemische Synapsen sind weit verbreitet, selten sind Synapsen, bei denen die Erregung elektrisch übertragen wird. An den Riesenfasern im Bauchmark des Regenwurms, im Nervensystem von Krebsen und im Rückemark bzw. Gehirn vieler Wirbeltiere besteht ein sehr enger Kontakt zwischen prä- und postsynaptischer Membran, der eine direkte Übertragung des Aktionspotentials ermöglicht. Dabei tritt keine nennenswerte zeitliche Verzögerung auf.
* Gesamtzahl aller Synapsen: ca. 10 hoch 14
* Anzahl der Synapsen auf einer motorischen Nervenzelle im menschschlichen Rückenmark: 10.000
* Anzahl von Synapsen im Gehirn: 10 hoch 14 (100 Billionen)
* Anzahl der Synapsen im Gehirn pro mm3: 1 Mrd.
* Synaptische Kontakte einer Nervenzelle mit anderen Nervenzellen im Gehirn: mehrere tausend


Wikipedia zu "Nervenzelle"
Eine Nervenzelle oder ein Neuron (von altgriechisch νεῦρον neũron, deutsch ‚Flechse‘, ‚Sehne‘; ‚Nerv‘) ist eine auf Erregungsleitung spezialisierte Zelle. Dieser Zelltyp kommt bei Gewebetieren vor, welche alle mehrzelligen Tiere außer den Schwämmen und Trichoplax adhaerens umfassen. Die Gesamtheit aller Nervenzellen eines Tieres bildet zusammen mit den Gliazellen das Nervensystem.
Eine typische Säugetier-Nervenzelle ist aus Dendriten, dem Zellkörper und einem Axon (faserartiger Fortsatz einer Nervenzelle) aufgebaut. Dieser Zellfortsatz kann bis zu einem Meter lang sein und ermöglicht eine Erregungsleitung über weite Strecken. Dabei läuft ein elektrisches Signal durch das Axon, welches erzeugt wird, indem bestimmte Ionen gezielt durch die Zellmembran durchgeschleust werden.
Das Axonende steht über Synapsen, an denen das Signal chemisch (seltener elektrisch) weitergegeben wird, mit anderen Nervenzellen oder Empfängerzellen (neuromuskuläre Endplatte) in Verbindung. Bestimmte Nervenzellen, z. B. im Hypothalamus oder modifizierte Neuronen im Nebennierenmark, dienen direkt der Sekretion von Neurohormonen.
Schätzungsweise besteht das menschliche Gehirn aus 100 Milliarden bis zu einer Billion Nervenzellen. ...
Die Synapse stellt eine Schnittstelle in Form einer Lücke über den synaptischen Spalt hinweg dar, in der eine Information chemisch auf eine andere Zelle übertragen werden kann. Synapsen von Nervenzellen verbinden sich indirekt - anders als z. B. ein elektrischer Schaltkreis, der über direkte Verbindungen, Schnittstellen vernetzt wird - auf diese Weise untereinander zu einem neuronalen Netzwerk.
Ein Neuron bildet bis zu 10.000 Synapsen mit anderen Neuronen. Das menschliche Gehirn weist insgesamt etwa eine Billiarde Synapsen auf.


Aus Texter, Martin R.: Gehirnentwicklung bei Babys und Kleinkindern - Konsequenzen für die Familienerziehung
Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) mit anderen Neuronen kommunizieren. Dazu hat jede Nervenzelle ein Axon, das bis zu den Zehen - oder auch nur bis zum nächsten Neuron - reichen kann und über das sie Nachrichten versendet (Output) sowie viele Dendriten, über die sie mit 1.000 und mehr (Nerven-)Zellen verbunden ist und über die sie Botschaften empfängt (Input). Die Kommunikation zwischen den Neuronen erfolgt durch den Austausch von Neurotransmittern (komplexe Aminosäuren wie Serotin, GABA, Dopamin, Adrenalin usw.) bzw. von Ionen (elektrisch positiv oder negativ geladene Atome oder Moleküle) in den Synapsen. Das Gehirn produziert hierzu jederzeit rund 20 Watt an Elektrizität. Für all diese Aktivität benötigt es viel Energie - beim Erwachsenen rund 18% seines täglichen Kalorienbedarfs, bei Kleinkindern sogar bis zu 50%. Ferner verbraucht das Gehirn 20 bis 25% des vom Körper aufgenommenen Sauerstoffs. ...
In jedem Augenblick strömt eine Unmenge an Eindrücken und Wahrnehmungen aus dem Körper und über die Sinne zum Gehirn. Die Impulse werden in viele kleine Einzelteile zerlegt, die in spezialisierten Teilregionen des Gehirns verarbeitet werden. Die von dort ausgehenden "Botschaften" werden in größeren Bereichen des Gehirns interpretiert und miteinander verknüpft. An dieser Weiterverarbeitung ist vielfach auch das Gedächtnis beteiligt: Erkennen ist vor allem Wiedererkennen von Gleichem und Ähnlichem. Ferner werden mit Hilfe des Gedächtnisses unvollständige Eindrücke ergänzt. Schließlich müssen Körper und/oder Geist reagieren, Veränderungen vornehmen, Handlungen planen und durchführen. Insbesondere an hoch komplexen Abläufen sind somit viele Bereiche des Gehirns beteiligt. ...
Natürlich können nicht all die vielen Eindrücke und Wahrnehmungen, Lernerfahrungen und Informationen im Gehirn gespeichert werden. Vielmehr wird ausgewählt: Das Gehirn ignoriert bereits Bekanntes, unterscheidet Wichtiges von Unwichtigem, bildet Kategorien, Muster und Hierarchien, ordnet Ereignisse in sinnvollen Sequenzen, stellt Beziehungen zu anderen Daten her, fügt neu Gelerntes in bereits abgespeichertes Wissen ein.

Aus Newen, Albert: "Wer bin ich?", in: Spektrum der Wissenschaft März 2011 (S. 63)
Wenn Wünsche wirken, dann tun sie dies nur, weil sie selbst als Hirnzustände ralisiert sind.


Aus dem Kapitel "Das Verständnis wächst - doch viele Fragen sind noch offen", in: Christian E. Elger/Friedhelm Schwarz (2009), "Neurofinance", Haufe Verlag (S. 36ff, Auszug als PDF)
Wie das Gehirn tatsächlich funktioniert, welche Ursachen Krankheiten haben und wie das Gehirn mit Störungen umgeht und sich sozusagen selbst repariert, ist in den Details so kompliziert und so schwer zu verstehen, dass hier noch über viele Jahre hinweg ein großer Forschungsbedarf bestehen wird. ...
Das Gehirn leistet Schwerarbeit
Auch wenn das Gehirn nur durchschnittlich zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, verbraucht es dennoch 20 Prozent der Energie, man kann es insofern als „Schwerarbeiter" bezeichnen. Die meiste Energie wird für bewusste Denkprozesse eingesetzt, so dass es nicht verwunderlich ist, dass viele Abläufe im Gehirn unbewusst erfolgen, sozusagen im „Energiesparmodus". ...
Jede einzelne der 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn kann mit bis zu 15.000 Kontaktstellen, den Synapsen, mit anderen Nervenzellen verbunden sein. Somit besteht das Gehirn aus einem hoch vernetzten System, in dem es über 100 Billionen Verbindungsstellen gibt. Auch wenn diese Zahlen die menschliche Vorstellungskraft sprengen, ist offensichtlich nur ein solch hoch komplexes System in der Lage, Informationen so zu verarbeiten, zu speichern und zu verknüpfen, dass das entsteht, was wir als unser Selbst bezeichnen und was uns Identität gibt.
Die Signale, die zwischen den Nervenzellen hin- und hergehen, sind elektrischer Natur, vergleichbar einem Morsealphabet. Um die unterschiedlichen Signale richtig bewerten zu können, verfügt das Gehirn über einen Regelmechanismus, der auf jeder Stufe die hemmenden und die erregenden Impulse gegeneinander verrechnet. Erst wenn eine bestimmte Erregungsschwelle überschritten wird, kommt es zu einer Weiterleitung des Signals nach dem Prinzip eines Kaskadensystems. Dabei gibt es durchaus Informationen, die immer Vorfahrt haben. Das sind zum Beispiel Schmerzen.
Erst das Gehirn macht uns zum Menschen
Wenn man das Gehirn eines Menschenaffen mit dem eines Menschen vergleicht, erkennt man sofort, dass vor allem das Stirnhirn, also der vordere Abschnitt des Gehirns, beim Menschen größer ist. Dieser organische Unterschied wird auch in den Verhaltensweisen und Fähigkeiten von Affen und Menschen repräsentiert. Der Affe verfügt über eine deutlich höhere Leistungsfähigkeit als der Mensch bei den Sinneswahrnehmungen und den Bewegungen. Kein Mensch könnte mit „affenartiger Geschwindigkeit“ einen Baum empor klettern oder von einem Baum zum anderen springen. Stattdessen liegen die Stärken des Menschen im zielgerichteten Handeln, in der Entscheidungs- und Introspektionsfähigkeit sowie in der Kommunikation und im abgestimmten Handeln mit anderen Wesen seiner Gattung.
Dies lässt den Schluss zu, dass die wichtigsten menschlichen Hirnleistungen des Menschen wahrscheinlich im vorderen Abschnitt des Gehirns stattfinden. Hier erfolgt die Speicherung vieler Informationen, hier werden Entscheidungen getroffen und hier entsteht das Ich-Bewusstsein. Große Teile der Fähigkeiten zur Kommunikation, wie zum Beispiel die Sprache, sind hier lokalisiert und auch die emotionale Bearbeitung von Ereignissen findet hier durch eine Verbindung mit den Emotionszentren des Gehirns statt.
Es darf mit großer Sicherheit angenommen werden, dass in den ersten Lebensjahren in diesem Teil des Gehirns ein kompliziertes Netzwerk aufgebaut wird, dessen Funktion sich auch in unserem Sozialverhalten niederschlägt. ...
Das Gehirn ist ein soziales Organ, denn seine Aufgabe besteht nicht nur darin, das Überleben des einzelnen Menschen zu sichern, sondern auch das der Gruppe, zu der dieser gehört. Es kommt also darauf an, Annahmen darüber zu bilden, was andere Menschen fühlen, welche Bedürfnisse sie haben, wie sie ein bestimmtes Verhalten bewerten, was sie erwarten und was sie beabsichtigen. Damit das Gehirn diese Funktionen wahrnehmen kann, muss es sowohl in der Lage sein, zu erkennen, was in anderen Menschen vorgeht, als auch Vorhersagen darüber zu treffen, welche Reaktionen erwartet werden können und welche nicht.
Erkennen bedeutet in diesem Zusammenhang weitaus mehr als nur einfaches Wahrnehmen, was auch schon verhältnismäßig primitive Organismen leisten können. Selbst Einzeller nehmen ihre Umgebung wahr und reagieren darauf, ohne dass wir im weiteren Sinne von Erkennen sprechen können. Mit Hilfe der so genannten primären Sinnesareale können wir sehen, hören, schmecken, riechen und empfinden, wenn diese aktiviert werden.
Allerdings reichen diese Areale das Wahrgenommene völlig neutral und ohne Bewertung weiter. Diese erfolgt erst in Bereichen, die als Assoziationszentren bezeichnet werden und die eingehenden Informationen mit vorhandenen verknüpfen und so zu einer Deutung des Wahrgenommenen, also zum Erkennen, kommen. Dieses Erkennen spielt zum Beispiel im Neuromarketing eine ganz wichtige Rolle, wenn nämlich Markensymbole nicht nur gesehen, sondern auch mit einem ganz bestimmten Sinn versehen werden.
Grundsätzlich ist es so, dass das Gehirn kontinuierlich Vorhersagen darüber produziert, welche Informationen als nächstes eintreffen werden. Bestätigen sich diese Annahmen, sind vom Gehirn aus keine weiteren Anpassungen der geplanten Reaktionen notwendig. Stimmen die Vorhersagen und die Wahrnehmungen nicht überein, kommt es entweder zu automatischen Reaktionen, wie zum Beispiel bei einem überraschenden, lauten Knall, der uns zusammenzucken lässt. Oder aber bei langsameren Ereignissen, die keine Überlebensmechanismen aktivieren, wird das Bewusstsein zu Rate gezogen, um die Unterschiede zwischen Erwartung und Ereignis zu verarbeiten. ...
Im Prinzip müsste man aus dem bisher Gesagten schließen können, dass das Gehirn gewohnte Ereignisse und damit die Routine am meisten schätzt, weil die Vorhersagen tatsächlich eintreten und sich damit auch ein angenehmes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit einstellt. Einerseits ist das richtig, andererseits tritt dabei aber auch ein neues Gefühl auf den Plan, nämlich die Langeweile.
Da das menschliche Gehirn darauf programmiert ist, neue Erfahrungen zu sammeln, wird es nach einer gewissen Zeit umschalten, indem es nicht mehr „Belohnungen" dafür verteilt, dass bestimmte Erwartungen und Vorhersagen erfüllt wurden, sondern nun dafür, dass sich der Mensch auf die Suche nach Neuem macht.
Es ist tatsächlich so, dass ein großer Teil der Menschen so genannte Newsseeker sind. Deren Gehirn ist geradezu begierig, neue Dinge zu erkennen, Neues zu lernen und Neues zu erproben. Dadurch werden immer wieder Verhaltensänderungen ausgelöst, die nicht nur in der Frühzeit des Menschen von Vorteil waren, indem ein Jäger die gewohnten Pfade verließ und deshalb nicht zur Beute von Raubtieren wurde, die seine Gewohnheiten kannten und ihn nur noch als fette Beute erwarteten. Der Drang zu Neuem hält auch das Gehirn fit. ...
Das situative Verhalten, also die Reaktion auf Einflüsse aus der Umgebung, ist viel stärker, als die meisten Menschen vermuten und zugestehen mögen. Dabei sind es nicht die Einflüsse, die uns in Form rationaler Argumente begegnen, sondern eher subtile Informationen, die sich direkt an das Unbewusste richten, ohne dass wir sie wahrnehmen.
Solche Einflüsse kann der Mensch nicht steuern, weil er sie überhaupt nicht bemerkt. Weder der groß angelegte verbale Schlagabtausch mit Argumenten in politischen Talk-Shows noch detaillierte Berichte über die politische und wirtschaftliche Lage in den wöchentlichen Nachrichtenmagazinen können uns so stark beeinflussen wie ein kurzes plötzliches Stottern des Wirtschaftsministers in einer Talk-Show.
Um Menschen zu lenken, bedarf es weder komplizierter Suggestionstechniken noch der Hypnose, sondern es reicht vollkommen aus, dem Gehirn bestimmte Stimmungen oder Eindrücke zu vermitteln, die die Gefühle beeinflussen.
So gibt es zum Beispiel ein Experiment, in dem die Versuchspersonen gebeten wurden, an einem Computer innerhalb einer bestimmten Zeit beliebige Worte entweder nach ihrer Länge zu sortieren oder sie auch zu Sätzen zusammenzustellen. Man erklärte den Probanden, dass es sich um einen Test zum Sprachvermögen handelt. Während die eine Hälfte der Teilnehmer Begriffe sortieren musste, die sich auf Alter, Krankheit und Gebrechlichkeit bezogen, hatte die andere Hälfte Begriffe zu sortieren, die sich mit Leistung, Sport und Erfolg befassten.
Nachdem der Test beendet war, bat man die einzelnen Teilnehmer, das Gebäude über eine Treppe, die sie hinaufsteigen mussten, zu verlassen. Für die Probanden war das Experiment jetzt zu Ende, doch für die Forscher begann es erst. Sie stoppten nämlich die Zeit, die die verschiedenen Teilnehmer brauchten, um die vorgegebene Strecke zurückzulegen. Diejenigen, die sich mit Alter, Krankheit und Gebrechlichkeit befasst hatten, stiegen die Treppe wesentlich langsamer nach oben als diejenigen, die sich mit Leistung, Sport und Erfolg befasst hatten.


Die Veränderbarkeit des Gehirns besteht immer. Allerdings festigen sich im Laufe des Lebens durch Nutzung und Nichtnutzung die Grundstrukturen im Kopf. Zum Start des Lebens ist fast nichts vorgegeben, das Gehirn ungeheuer dynamisch. Fast süchtig nimmt es alle Impulse auf und schaltet neue Synapsen. Mit der Zeit nimmt diese umfassende Dynamik ab. Hirnregionen, die wenig genutzt wurden, zeigen dann auf Dauer Schwächen. Statisch wird es im Kopf aber nie - und das Wissen um die besondere Variabilität des Gehirns bei Kleinkinder und auch noch in der Jugendzeit macht nur deutlich, dass die intensive Formung von Heranwachsenden auf die Erfordernisse einer hierarchischen Arbeitswelt bereits eine gigantische Verschwendung von Produktivkraft ist: Die Kreativität und Eigensinnigkeit, die hier zerstört wird, lassen sich nie wieder zurückholen.

Die Vielzahl kleiner Vorgänge macht das Gehirn zu einem beeindruckenden Beispiel der Dynamik und Flexibilität dessen, was im Tanz der Moleküle (oder moderner: Quanten & Co.) so alles möglich ist und wird. Veränderbar ist dabei voraussichtlich alles - und in der Hirnforschung deuten viele Experimente auf die materielle Grundlage des Denkens hin. Entsprechend kann dieses auch manipuliert werden.

Aus "Verwirrung im Nagerhirn", SZ, 20.10.2010
Auch Menschen können manchmal Farben riechen oder Klänge schmecken, dann etwa, wenn sie psychedelische Drogen eingenommen haben oder - bei sogenannten Synästhikern - das Gehirn etwas anders verdrahtet ist. Labormäuse können jetzt jedoch ganz ohne illegale Hilfsmittel in den Genuss derartiger Erfahrungen kommen: Eine Gruppe von Biologen um Venkatesh Murthy von der Universität Harvard hat die Tiere genetisch so verändert, dass ihre Riechsensoren auch durch Licht aktiviert werden können (Nature Neuroscience, online).

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Denken auf breiter Front manipulierbar wird. Angesichts der ungeheuren Komplexität des menschlichen Gehirns wird es noch eine Zeit dauern, bis überhaupt Denkvorgänge lokalisiert und entschlüsselt werden können. Erst recht würde sehr aufwendig werden, diese dann steuern zu wollen, denn voraussichtlich haben Gedanken, Gefühle, Phantasien, Willen usw. keine einfache materielle Ursache, sondern entspringen aus dem Zusammenspiel unübersehbar vieler kleinster materieller Vorgänge. Fraglich ist daher auch, ob es sinnvoll ist, gesellschaftliche Ressourcen einzusetzen, um dieses erforschen zu wollen. Denn einen Sinn macht das nur aus dem Blickwinkel derer, die Menschen (oder das Leben insgesamt) für ihre wirtschaftlichen oder herrschaftsstützenden Zwecke manipulieren wollen. Das ist das Dilemma einer Gesellschaft, in der Profit und Machtausbau die zentralen Antriebskräfte sind. Dort ist Wissen nicht einfach neue Information, sondern immer eine Waffe zur Erhöhung von Profit und Steigerung der Beherrschung.

Wie auch immer die Zukunft der Manipulation des Denkens aussieht: Es ist schon jetzt schlicht unwissenschaftlich, von einem objektiv abbildbaren Zustand eines Menschen auszugehen - so wie es z.B. in der Debatte um Strafe, Schuld und freien Willen geschieht. Die Frage, ob Menschen durch ihre materielle Ausstattung so geprägt sind, dass sie keine Schuld im strafrechtlichen Sinne haben können, ist nichts als der x-te Versuch, etwas Hochkomplexes und Dynamisches in einfache Begriffe, Symbole oder gar Schubladen packen zu können. Das mag der Justiz mit ihrem lebensfeindlichen Hang, Handlungen und Motive in eine übersichtliche Zahl starrer Paragraphen zu drücken, entgegenkommen. Doch praktisch ist das alles nur primitive Projektion der in gesellschaftlichen Diskursen und eigenen Routinen gefangenen RobenträgerInnen. Denn die Suche nach einem "Zustand" des Menschen ist hoffnungslos. Im Kopf findet ein ständiges Neubilden, Absterben, Unterbrechen und Überbrücken statt - und nie kehrt ein Zustand genau so nochmals wieder. Die Debatte, ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht, ist bereits von der Fragestellung her verkürzt. Der jeweilige Wille ist immer Ausdruck einer hohen Komplexität, in der sich Vergangenheit, aktuelle Einflüsse und die jeweilige materielle Ausstattung widerspiegeln. Die soziale Zurichtung, selbst wiederum ein Begriff für eine ungeheure Vielfalt von Einflüssen, spielt eine große Rolle, weil jeder Einfluss sich "einbrennt" in die Materie des Körpers. Doch jeder gefasste Gedanke, jede Entscheidung, jede eigene Handlung und die Beobachtung ihrer Wirkung verändert diese Ausgangsposition wieder. Das alles wirkt aufeinander, erzeugt Reaktionen und beeinflusst damit wiederum die konkrete Person. Es entsteht das Individuum in seiner unnachahmlichen eigenen Art, ebenso aber auch unterschiedlich in der Willenstärke, diese Eigenart zum Ausdruck zu bringen oder nicht. Davon gibt es keine Ausnahmen. Alles ist materiell bedingt, aber kann selbst wiederum Materie verändern, also auch das, was unter dem Begriff "Gewissen" gefasst wird.

Im Original: Gewissen
Aus Frauke Haß, "Gewissen am Scheideweg", in: FR, 7.1.2008 (S. 14 f.)
Solchermaßen vermittelte moralische Werte seien dann Verhaltensgesetze, "die einen inneren Zwang ausüben", so Becker. "Die Menschen empfinden diese Werte als ihr Eigenes." Was sie auch sind. Denn wie Becker betont, "können moralische Werte zwischen Bürgern eines Staates erheblich differieren". Zwar betont auch Becker die Bedeutung des Vorbilds, der Beispiele, die die Eltern geben. Doch warnt sie auch: "Moralentwicklung kann von außen unterstützt, aber nicht zielgerecht gesteuert werden." Das Gewissen sei das Ergebnis "einer individuellen Verarbeitung von persönlicher Erfahrung und individueller Reflexion".
Das zeigen schon die Erkenntnisse des US-Hirnforschers Antonio Damasio anhand von Patienten, die als Säugling eine Schädigung im präfrontalen Kortex, also im vorderen Stirnhirn, erlitten haben, und die deshalb nie in der Lage waren, moralisch denken zu lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Sitzt das Gewissen also über dem Auge - in eben diesem "präfrontaler Kortex" genannten Bereich des Gehirns? Wer vermag das zu sagen? Klar scheint allerdings zu sein, dass dieser Ort im Gehirn stark mit moralischen Entscheidungen verknüpft ist. ...
"Moral ist zwar nicht angeboren", folgert Becker aus diesen Erkenntnissen, "doch sie ist an Neuronen genauso gebunden wie andere geistige Fähigkeiten". Moralentwicklung könne nicht von anderen Hirnregionen übernommen werden. Bei der Frage, was daraus zu lernen sei, zuckt Becker allerdings mit den Schultern: "Die Frage, wie optimale Moralerziehung aussehen soll, kann uns die Hirnforschung nicht beantworten."
Sie gebe schon gar keine Antwort auf das Problem, wie sich die Gesellschaft gegenüber jenen verhalten solle, die keine Moral kennen, denen moralische Überlegungen egal sind. Oder gegenüber denjenigen, die zwar über Moral theoretisieren, aber nicht danach handeln können: Wenn es stimmen sollte, dass Psychopathen nicht "resozialisierbar" sind, also keine Moral und kein Gewissen mehr lernen können: Was machen wir dann mit dieser Walter zufolge nicht sehr kleinen Gruppe? Immerhin drei bis sieben Prozent der Männer und ein bis zwei Prozent der Frauen haben laut Walter eine dissoziale oder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, sind also Menschen, die keine Einfühlung kennen. In Gefängnissen wachse der Anteil sogar auf mindestens 25 Prozent.


Jeder Gerichtsprozess, um die aktuelle Debatte über freien Willen und daraus folgende Straffähigkeit noch einmal aufzugreifen, ist ein Einflussfaktor auf die materielle Lage im Kopf (und nicht nur dort). Von einem festgeschriebenen oder auch nur feststellbaren Willen kann folglich nicht die Rede sein - die materielle Lage im Kopf verändert sich mit jedem Wort auch im Gerichtssaal. Die gesamte Logik von Strafe und Strafjustiz widerspricht den Erkenntnissen über die Funktionsweise des Gehirns. Sie reduziert Komplexität, klammert sich an statische Formeln und Sanktionsmethoden, die überwiegend Jahrzehnte bis Jahrhunderte alt sind. Das gilt ebenso für die Psychiatrie, große Teile der Psychologie, Schulen und Ausbildung insgesamt. Statt die Dynamik von Materie zu nutzen für kommunikative Prozesse pressen Urteile und Diagnosen den Menschen in starre Schemata, um dann den Menschen der Form anzupassen und oftmals nachträglich die eigene Prophezeiung zu erfüllen.
Justiz und Zwangspsychiatrie wird das allerdings egal sein. Sie geben ohnehin nur vor, den Menschen dienen zu wollen. Ihr politischer Auftrag ist aber viel mehr die Durchsetzung der Kategorien "normal" und abweichend ("verrückt", "krank", "kriminell") sowie die Akzeptanzbeschaffung für die Rechtsordnung und ihre Durchsetzung. Bei diesen harten Machtinteressen, die in Kittel oder Robe durchgesetzt werden, interessieren Überlegungen aus Soziologie, Philosophie oder Biologie ohnehin wenig.

Stattdessen müsste aus dem Wissen um die dynamische Materie und die Funktionsweise des solche Qualitäten in besonderer Weise nutzenden Gehirns folgen, Menschen zu fördern in der Ausbildung eigener Persönlichkeit, in der Kommunikation und Reflexion über eigenes Handeln, in der Entfaltung ihrer Möglichkeiten. Stattdessen werden Schulzeiten verkürzt, einengende Verhaltensvorschriften erlassen, das Leben mit Codes, Moden und Regeln überzogen.

Im Original: Kindheit und Lernen
Erich Fromm (1990): „Die Furcht vor der Freiheit“, dtv in München (S. 29)
Je tiefer ein Tier auf der Entwicklungsleiter steht, um so mehr wird es in seinem gesamten Verhalten von instinktiven und reflexbedingten Mechanismen beherrscht. Die berühmten sozialen Organisationen gewisser Insektenarten sind völlig instinktbedingt. Andererseits ist die Flexibilität der Handlungsmuster um so größer und die strukturierte Anpassung bei Geburt um so geringer, je höher ein Tier auf der Entwicklungsleiter steht. Diese Entwicklung erreicht beim Menschen ihren Höhepunkt. Er ist bei seiner Geburt das hilfloseste aller Lebewesen. Seine Anpassung an die Natur beruht im wesentlichen auf einem Lernprozeß und nicht auf instinktbedingter Determination. "Der Instinkt ... ist eine ständig geringer werdende, wenn nicht ganz verschwindende Kategorie bei den höheren Formen der Lebewesen, besonders beim Menschen" (L. Bernard, 1924, S. 509).

Aus Peter Spork: "Mutterliebe macht mutig", in: FR, 28.7.2009 (S. 12)
Die mutigen Tiere hingegen wurden von ihren Müttern besonders gut umsorgt. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um ihre eigenen Kinder handelte oder nicht: Vertauschten die Forscher die Jungen, wurden immer jene Ratten zu ängstlichen Tieren, deren Mütter sie vernachlässigten ganz egal ob sie mit ihnen verwandt waren oder nicht. Es sind also nicht die Gene, die für die Charakterunterschiede bei den Versuchstieren verantwortlich sind, sondern deren erste Erfahrungen. Die Zeit nach der Geburt scheint eine besonders sensible Phase im Leben einer Ratte zu sein. Offenbar werden hier in den Gehirnzellen entscheidende Weichen gestellt. ...
In einigen Experimenten setzten die Forscher ihre ängstlich-aggressiven Ratten für längere Zeit in eine so genannte "angereicherte Umwelt" (enriched environment). Dort hatten die Tiere viel Platz und Gelegenheit zum stressfreien Spielen, Toben und Erkunden in anregender, abwechslungsreicher Umgebung mit vielen "Spielsachen". Und dort wurden sie nach und nach wieder normal.

Zusammengefasst nach einem Interview mit Martin Korte (TU Braunschweig) im FOCUS vom 12.10.2009 (Quelle)
Gehirn und Lernen
Beim Gehirn führt die Evolution zu Anpassungs- und Lernprozessen, die sich auch neuronal niederschlagen. So hat der aufrechte Gang das Gehirn dadurch massiv beeinflusst, dass die Hände frei wurden und der Daumen durch Opposition eine anatomische Sonderstellung einzunehmen begann, wobei sich die motorische Gehirnrinde und die Tastsinnfelder in der Großhirnrinde entsprechend angepasst haben. Mit der Erfindung der Sprache ist aus einem Bereich im Motorcortex, der den Kehlkopf und die Zunge steuert, das Broca-Areal erwachsen, das nicht nur die Motorik der Sprache steuert, sondern auch eine grammatikalische Schnellanalyse der Sprache vornimmt. Der Gyrus angularis, eine Region am Schläfenlappen ist fast ausschließlich für das Schreiben und Lesen zuständig und hat sich erst durch die lesende Gesellschaft in den letzten 500 Jahren herausgebildet. Die Großhirnrinde ist offensichtlich ein prädisponierter Platz für neue Anforderungen und passt sich in der Individualentwicklung eines Menschen an kulturelle Errungenschaften an, nicht aber durch eine Veränderung im genetischen Bauplan. Auch die menschliche Intelligenz hat sich weitgehend auch nur den gestiegenen Anforderungen angepasst, z.B. durch die allgemeine Schulpflicht, die Verstädterung, die Technisierung oder die bessere Ernährung. Menschliche Gehirne sind dafür gebaut, kulturell prägbar zu sein, d.h., es gibt Gehirnareale, die nur darauf warten, dass dort eine "Problemlösungs-Software" installiert wird.


Aus Texter, Martin R.: Gehirnentwicklung bei Babys und Kleinkindern - Konsequenzen für die Familienerziehung
Beim Fötus entwickelt sich im Gehirn zunächst eine Unmenge von Neuronen, von denen ein Großteil noch vor der Geburt wieder abgebaut wird. So startet ein Neugeborenes mit 100 Milliarden Neuronen (gleiche Anzahl wie bei Erwachsenen), die aber noch klein und wenig vernetzt sind. Dementsprechend beträgt das Gewicht seines Gehirns nur ein Viertel von dem eines Erwachsenen. ...
In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu - eine Gehirnzelle kann bis zu 10.000 ausbilden. Mit zwei Jahren entspricht die Menge der Synapsen derjenigen von Erwachsenen, mit drei Jahren hat ein Kind bereits doppelt so viel. Die Anzahl (200 Billionen) bleibt dann bis zum Ende des ersten Lebensjahrzehnts relativ konstant. Bis zum Jugendalter wird rund die Hälfte der Synapsen wieder abgebaut, bis die für Erwachsene typische Anzahl von 100 Billionen erreicht wird. Verbunden mit diesem rasanten Wachstum von Synapsen ist eine rasche Gewichtszunahme des Gehirns: von 250 g bei der Geburt über 750 g am Ende des 1. Lebensjahrs bis 1.300 g im 5. Lebensjahr. In der Pubertät wird schließlich das Endgewicht erreicht. Die doppelt so hohe Zahl von Synapsen erklärt auch, wieso das Gehirn eines Dreijährigen mehr als doppelt so aktiv ist wie das eines Erwachsenen. ...
Die Ausbildung von doppelt so viel Synapsen wie letztlich benötigt werden ist ein Zeichen für die große Plastizität des Gehirns - und die enorme Lern- und Anpassungsfähigkeit des Säuglings bzw. Kleinkinds. Das Neugeborene fängt geistig praktisch bei Null an: Abgesehen von ein paar Instinkten ist es weitgehend auf Wahrnehmung und Reaktion beschränkt. Die Regionen des Gehirns, die später für komplexe Funktionen wie Sprechen oder Denken zuständig sind, liegen weitgehend brach. Aber das ist genau die große Chance des Menschen: Der Neugeborene ist praktisch für ganz unterschiedliche Kulturen und Milieus offen - für einen Indianerstamm bestehend aus Jägern und Sammlern in den Tiefen der Dschungel Brasiliens, für eine Bauern- und Hirtengemeinschaft in Westafrika wie auch für eine hoch technisierte Wissensgesellschaft in Westeuropa oder Ostasien. Die Überproduktion von Synapsen in den ersten wenigen Lebensjahren ermöglicht das schnelle Erlernen ganz unterschiedlicher Verhaltensweisen, Sprachen, Lebensstile usw. Ein großer Teil der weiteren Gehirnentwicklung bei Kindern besteht dann darin, die für ihre Lebenswelt nicht relevanten Synapsen abzubauen und die benötigten Bahnen zwischen Neuronen zu intensivieren. So bestimmt letztlich die Umwelt - das in ihr Erfahrene, Gelernte, Erlebte, Aufgenommene - zu einem großen Teil die Struktur des Gehirns. Die skizzierte Entwicklung setzt sich dann bis zum Tode des Menschen fort: Unbenötigte Synapsen werden eliminiert, häufig benutzte verstärkt. Zugleich werden aber immer wieder neue Synapsen gebildet, insbesondere im Rahmen von Gedächtnisprozessen. Erst seit wenigen Jahren ist bekannt, dass bis in das hohe Alter hinein auch neue Neuronen entstehen. ...
Während in den ersten zehn Lebensjahren das Lernen leicht und sehr schnell vonstatten geht - insbesondere wenn es in die jeweiligen sensiblen Phasen fällt -, verlangt es in den folgenden Jahren immer mehr Anstrengung. Es gibt immer weniger überzählige, unbenutzte Synapsen; die Bahnen, in denen der Jugendliche oder Erwachsene denkt, sind in der Kindheit bereits grob festgelegt worden. Gänzlich neue Verbindungen zwischen Neuronen werden eher selten hergestellt. Das Gehirn hat eine bestimmte Struktur ausgebildet, von deren Art abhängt, in welchen Bereichen das Lernen leichter oder schwerer fällt. Ist z.B. ein Kind bilingual aufgewachsen, eignet es sich schneller eine dritte oder vierte Sprache an; hat es bereits im Kleinkindalter musiziert, wird es eher im Musikunterricht brillieren. Je vielfältiger und breiter die in der Kindheit ausgeprägte Struktur des Gehirns ist, umso mehr Bereiche gibt es, in denen der Jugendliche oder Erwachsene Fortschritte machen kann. ...
Erfolgreiches Lernen in späteren Lebensabschnitten setzt ferner voraus, dass man das Lernen gelernt hat. Kinder müssen erfahren haben, wie man Lernen plant und selbst überwacht, wie man sich Wissen aneignet und überprüft, welche Lernstrategien erfolgversprechend sind, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen, wie man das Gelernte durchdenkt und erinnert. ...

Sehr positiv wirkt sich aus, wenn Kinder in einer besonders anregungsreichen (familialen) Umwelt aufwachsen, in der sie außerordentlich viele und mannigfaltige Lernerfahrungen machen. Werden ihre Neugier, ihr Forschungsdrang und ihr Verständnis von der Welt (auch durch das Beantworten ihrer vielen Fragen!) gefördert, können sie viel selbst ausprobieren und mit (Alltags-)Gegenständen experimentieren, werden sie mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert, können sie Aufgaben selbständig lösen und ihr Wissen weitergeben (z.B. an jüngere Geschwister: Lernen durch Lehren) bzw. immer wieder einsetzen (Lernen durch Wiederholung) - dann entwickeln sie ein stärker strukturiertes Gehirn mit größeren Neuronen und mehr Synapsen. ...
Babys und Kleinkinder müssen also nicht zum Lernen motiviert werden: Ihre Sinne sind voll auf Empfang geschaltet, ihr Gehirn reagiert auf jeden Input mit der Bildung neuer Synapsen. Von Anfang an sind sie Forscher, die alles ausprobieren, handhaben und testen müssen, die ihre Umwelt aktiv erkunden und alles Geschehen um sie herum beobachten. Auf diese Weise lernen sie extrem viel - bei weitem mehr als in späteren Entwicklungsphasen. Und sie lernen aus intrinsischer Motivation heraus - weil sie es "wollen", weil sie beim Lösen von "Problemen" Freude empfinden und auf neu Gelerntes "stolz" sind. Sie müssen und können nicht belehrt werden.

Aus Greffrath, Matthias: "Gehirn, Gemüt, Genom", in: Le Monde diplomatique Nr. 8759 vom 12.12.2008 (S. 2)
Spannender für die Moral ist, was die relativ einfach gestrickten Experimente in der Röhre des Scanners über die Funktionsweise des Hirns sagen. Denn die wird nicht nur durch Gene, Pillen und Schläge auf den Kopf geformt, sondern durch jede soziale Erfahrung, jede intime Begegnung, jeden Gedanken, den wir denken – auch wenn wir an nichts denken. „Sie müssen sich das Gehirn wie eine Landschaft vorstellen, in der ’wir‘ herumfahren und mit jeder Fahrt die Straßen und Wege verändern“, sagt mir ein junger Forscher, und nicht nur die Straßen und Wege, sondern auch das (emotionale) „Licht“, die „Niederschläge“ über ganzen Regionen und die Länge der Kanäle. Streng genommen heißt das: Jeder Gedanke, jede Begegnung verändert unsere Biologie, und damit ist sie zugleich ein existenzieller Akt, der „mich“ verändert. Diese Erkenntnis – eine Art Unschärferelation der Gehirnforschung – heißt: Medikamente oder gute Erfahrungen, Pillen oder Psychotherapien führen zu ähnlichen Veränderungen nicht nur des Gehirnzustands, sondern der Gehirnstruktur – und das relativ dauerhaft. Damit wird die knallmaterialistische Wissenschaft vom Denken und Fühlen immer mehr zu einer sehr individuellen, historischen und sozialen. Das setzt sich wie aller Fortschritt allmählich, aber nur langsam durch. Die drei harten Neurologen, die neben mir auf dem Kongress das Gehirnbild eines Londoner Taxifahrers sehen konnten, bei dem nach zwanzig Jahren Herumfahren der Hippocampus, eines der Gedächtniszentren, signifikant größer war als bei Vergleichspersonen, waren echt überrascht.
Und so liege denn unter der „naturalistischen“ Drohung, wir seien wenig mehr als Marionetten unseres Gehirns, doch eine kleine wissenschaftliche Revolution (das heißt: Zurückwendung) unseres Menschen- und Weltbilds. Der Tomografenblick auf die „neuronalen Korrelate“ des Autismus, die Realitätsverzerrungen der Borderliner, landet bei den Erkenntnissen von Entwicklungspsychologen und gibt ihnen „harte Evidenz“. Die Fähigkeit, Realität wahrzunehmen, mitzufühlen, sozial zu sein, entsteht offenbar in Situationen von „joint attention“ zwischen Eltern und Kindern. Indem erwachsene und werdende Individuen ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf ein Drittes richten, entwickeln sich kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten in einem Prozess; wenn der nicht gelingt, sind Spaltungen und Störungen angelegt. In der Röhre messen die Forscher die emotionale Grundierung des Blickkontakts nach und das „Belohnungsgefühl“, wenn Kooperation klappt. So scheinen es nicht die presseweit gefeierten Spiegelneuronen zu sein, die uns zu sozialen Wesen machen, sondern die Situationen, in denen wir lernen, sie zu nutzen.
Wir müssen, aus dem Paradies der Ungeschiedenheit von Leben und Wissen vertrieben (so steht es in Kleists „Marionettentheater“), durch die Welt der Erkenntnis hindurch. Und, diese kleine Hoffnung keimt am Ende meines Rundgangs über die Gedankenmesse der Neurowissenschaftler, so es könnte ja sein, dass wir nach den cartesianischen Fortschrittsjahrhunderten eine neue Einheit finden, weil wir nun auch dem härtesten Positivisten „beweisen“ können: Nicht die Genetik der Aggression und nicht die Biochemie der Bindung erklärt uns, wer wir sind, sondern nur unsere ganze, kollektive und individuelle Geschichte – und der geteilte Blick und die gemeinsame Aufmerksamkeit auf die Gegenwart.
Wäre das ein unnötiger Umweg gewesen? Nun, wir haben auf diesem Weg der Trennung von Welt und Leib und Seele einige Kenntnisse erworben, die unser Leben erleichtern; und überdies die religiösen und metaphysischen Annahmen über eine hinterweltliche Verursachung unseres Lebens destruiert. Und am Ende steht eben nicht eine neue, diesmal materialistische Kausalitätsmetaphysik, sondern etwas, das sehr viel Ähnlichkeit hat mit der 6. Feuerbachthese von Marx: „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Das ist kein billiger Triumph, denn andere als Marx haben das auch schon immer gewusst.


Auf diese Aspekte wird noch genauer einzugehen sein. In Kapiteln zum Menschsein und seiner Selbstentfaltung steht die Frage im Mittelpunkt, was denn eigentlich den Menschen auszeichnet und was sich daraus als "Sinn" des Lebens und gesellschaftlicher Organisierung ergeben könnte. An dieser Stelle sei noch auf zwei Aspekte hingewiesen, die das Bild des dynamischen Denkorgans vervollständigen.

Erstens gilt das Geschriebene selbstverständlich nicht nur für den Kopf bzw. das Gehirn. Jede Bewegung und jeder Impuls von Außen oder aus dem Körper selbst verändert im Körper etwas. Der Auf- und Abbau von Muskeln ist ein bekanntes Beispiel. Vieles bleibt unmerklich - aber immer auf materieller Grundlage. Das Leben ist materiell, aber die Materie ist ungeheuer dynamisch, sich selbst organisierend und variantenreich. Das Gehirn ist in besonderer Weise danach organisiert. Es nutzt die Dynamik, um dadurch selbst abstraktetes Gedankenmodelle materiell codieren zu können. Die damit gespeicherten Informationen bleiben verfügbar, bis sie sich ungenutzt im steten Wandel der Materie auflösen. Auch Vergessen ist etwas ganz Materielles.

Zweitens ergeben sich Folgen für gesellschaftliche Theorien. Das Denken in statischen Kategorien, die vom Schöpfungsglauben bis zur Annahme starrer, d.h. unveränderlicher und endgültig beschreibbarer Naturgesetze reichen, ist nicht haltbar. Auch der traditionelle marxistische Begriff eines starren Materialismus wirkt nicht mehr zeitgemäß. Das kann dem Philosophen selbst kaum zum Vorwurf gemacht werden, war er mit seinen Überlegungen doch seiner damaligen Zeit voraus. Bedrückend ist jedoch das starre Festhalten vieler MarxistInnen an einer wortwörtlichen Auslegung Marx’scher Schriften. Das hinkt der Zeit hinterher. Daher gilt auch für die verbliebenen AnhängerInnen des großen Theoretikers im vorletzten Jahrhundert: Nein, die Tatsache, dass sich alles Geschehen auf einer materiellen Grundlage befindet, bedeutet nicht, dass alles einen ergründbaren Zustand hat, sozusagen objektiv beschreibbar ist. Denn Materie ist dynamisch. Schon der Versuch, sie zu erforschen oder zu beschreiben, kann sie verändern. Es gibt daher kein Eindeutigkeiten mehr. Die Suche nach der Gegenwart schafft die Zukunft. Und zwar ganz materiell, ganz ohne esoterische Hilfskrücken und Wirrungen.

Der dritte Aspekt ist die Rückkopplung. Wenn alles, also jeder Einfluss und jeder Gedanke, selbst wieder das Gehirn verändert, dann bedeutet das auch, dass sich die Art menschlicher Wahrnehmung kontinuierlich wandelt. Mit jeder Entdeckung, jedem Begreifen und jeder Erkenntnis verschiebt sich die Art, wie ein Mensch sieht, hört oder fühlt und das Empfundene in Beziehung zum bereits Gedachten setzt. Auch das ist Dynamik, nämlich die Rückkopplung, dass sich das Äußere - zumindest in den Augen der/s BetrachterIn, zu verändern scheint im Zuge jedes Denkvorganges. Üblich ist, das Geschehene ebenso wie die Erinnerung an das Geschehen in einen Gleichklang mit unserer bisherigen Erlebniswelt zu bringen, also durch bereits gebildete Begriffe und Bilder zu erfassen, gleichsam dabei aber auch den Reiz von außen, also das Gesehene, Gehörte, Gefühlte usw. (oder alles zusammen) in unsere bisherige Denkwelt zu integrieren und dabei so zu wandeln, dass es passt. Das mag den äußeren Impuls zwar unverändert lassen, aber da der Mensch nicht in der Lage ist, Einflüsse wahrzunehmen, ohne diese zu interpretieren, einzuordnen und in Verbindung zu Erinnerungen und anderen Wahrnehmungen zu stellen, gibt es praktisch keine starre Umwelt, sondern diese ist immer in doppeltem Wandel: Einmal selbst durch die Dynamik der Materie, zum anderen als wahrgenommendes Abbild der Umwelt - dann gesteuert durch das jeweils bestehende, aber sich ebenfalls ständig wandelnde Wahrnehmungsprofil des/r BetrachterIn (mehr dazu im Folgekapitel).
Diese Beeinflussung dessen, was betrachtet wird, gilt individuell, aber auch für die Menschheit insgesamt, denn die Kommunikation zwischen den Menschen (Diskurse, Vorwissen usw.) beeinflusst deren Wahrnehmung. Es trifft auch für die wissenschaftliche Forschung zu, denn die Forschungsmethoden werden ständig verfeinert, das Vorwissen erweitert und der Blickwinkel durch fachliche Diskurse ständig verändert.

Genom und Vererbung
Ein bisschen ging es der genetischen Forschung wie der Physik. Auf der Suche nach der materiellen Grundlage stießen die ForscherInnen und TüftlerInnen zunächst tatsächlich auf etwas, was ihren Erwartungen entsprach: Die PhysikerInnen auf das Atom (und später Teile davon), die GenetikerInnen auf die Gene. In der Euphorie, hier ein universales Erklärungsmodell entdeckt zu haben, wurde Materie und Leben so vereinfacht, dass sie auf das Modell passten.
Doch was die PhysikerInnen für ihre Atome längst klar haben, wissen auch viele GenetikerInnen nun seit einigen (auch wenn die Gentechnik das, zwecks besserer Akzeptanz in der Öffentlichkeit und Zuschüsse aus staatlichen Quellen gern verschweigt): So einfach ist das nicht. Vererbung und Evolution sind weit komplexer als das (nicht nur hier) bis ins Falsche hinein vereinfachte Schulbuchwissen suggeriert. Nicht nur der DNA-Strang selbst, sondern ein kompliziertes Zusammenspiel unübersehbar vieler Faktoren steuert die Weitergabe codierter Informationen. Auch für die Vererbung gilt, was Materie auszeichnet: Eine hohe Dynamik, d.h. Veränderbarbeit durch äußere und innere Einflüsse.

Im Original: Der Mensch als Träger einer neuen Entwicklungsstufe
Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
"Das Genom ist fließend und beweglich, verändert ständig seine Qualität und Quantität und ist angefüllt mit hierarchischen Regulations- und Steuerungssystemen" (zit. in Wesson 1994, S.235). ... (S. 138)

Aus dem Genannten nun folgt etwas Interessantes. In der Geschichte konkurrierten verschiedene Vererbungsmodelle miteinander. In kaum einem Biologiebuch fehlt die Skizze von den Giraffen. In einem Bild strecken sich die Tiere nach den schmackhaften Blättern und längen so ihren Hals. Im anderen überleben nur die mit langem Hals. Letzteres Bild, grundlegende Darstellung des Darwinismus, setzte sich als Theorie durch. Doch allmählich nagt der Zahn der Zeit an den für seine Epoche genialen Erkenntnissen des langbärtigen Weltforschers. Denn für die Vererbung gilt, was seit Jahrzehnten der Kern vieler Diskussionen in der Physik ist: Materie ist keine starre Angelegenheit. Sie ist (voraussichtlich) überhaupt keine Sache fester Dinglichkeiten. Längst hat die Physik ihre Atome (vor langer Zeit einmal als das "Unspaltbare" betrachtet) zerlegt in immer kleinere Teile, bis am Ende nichts Stoffliches mehr übrig blieb. Und da soll die Vererbung ein platter, schematischer und stofflicher Vorgang sein? Es kommen Zweifel auf ...

Aus "Gewalt schlägt auf das Erbgut", in: SZ, 30.10.2010 (S. 24)
Im Jahr 2008 zeigte dann eine Arbeitsgruppe um Moshe Szyf von der McGill University erstmals, dass frühe Gewalterfahrungen sich auch auf die menschlichen Gene auswirken. Die Forscher verglichen das Gehirngewebe von 13 Suizidopfern, die in ihrer Kindheit misshandelt worden waren, mit dem einer Kontrollgruppe von Unfallopfern. Dabei zeigte sich, dass molekulare Prozesse einige Gensequenzen im Erbstrang gehemmt hatten und zwar in der Region des Hippocampus, die wichtig für Lernvorgänge ist und für das Abspeichern von Informationen ins Langzeitgedächtnis.

Bevor nun alle die aufschreien, die - berechtigterweise - seit langer Zeit gegen das grausige Menschenbild eingefleischter HirnforscherInnen mit mechanischen Denkmustern ankämpfen: Erstens sind das alles wissenschaftliche Erkenntnisse wie andere auch, behaftet mit dem Problem von Wahrnehmung, d.h. gerichteter Interpretation aller Ergebnisse. Und zweitens ist das Fazit aus der Idee, dass alles eine materielle Grundlage hat, aber Materie sehr dynamisch ist und auf Umwelteinflüsse reagiert, ja gerade nicht, dass der Mensch (und alles andere) nur ein Abbild seiner Stofflichkeit (z.B. der Gene) ist, sondern erstens das Stoffliche hoch dynamisch ist und zweitens die Stofflichkeit ein Abbild der (immer einzigartigen) konkreten Bedingungen im Leben einschließlich der Vergangenheit und der eigenen Impulse schafft.
Hinter einem solchen Bild von Stofflichkeit und Leben steckt geradezu die Absage an alle, die das Sein auf eine starre Materie begrenzen wollen - aber auch an alle, die hinter der Faszination der Vielfalt und Funktionalität des Lebens eine ordnende Kraft wittern. Schöpfungsgeschichten, Kreationismus oder grüne Spaghettimonster sind schlicht überflüssig zur Erklärung der ungeheuren Dynamik der Welt: Materie ist so beschaffen, dass aus ihr heraus hochkomplexe Vorgänge und dynamische Weiterentwicklungen erklärbar sind, eben die "Selbstorganisation", wie es Annette Schlemm und andere in ihren Büchern benennen.
Stattdessen gewinnt die Idee offener (sozialer) Räume an Bedeutung: Wenn selbst das Stoffliche ein, wenn auch oft nur über lange Zeiträume gesehen, unbegrenzt veränderbares System ist, warum sollte sich ausgerechnet eine der bemerkenswertesten Entwicklungen aus dieser Dynamik, die menschliche Gesellschaft, in einen künstlichen Rahmen setzen und das Dynamische mit repressiven Mitteln niederzuringen versuchen? Gesetze, bürokratische Kontrolle, Grenzen und vieles mehr sind aber genau das. Sie stammen aus der Vergangenheit, einer oft dunklen, und versuchen, deren Logiken in die Gegenwart oder sogar Zukunft zu retten. Zwar unterliegen auch sie einer Veränderung, z.B. aus neuen Erkennissen oder sozialen Kämpfen heraus, aber grundsätzlich wirken sie immer konservierend und das Leben einhegend in Bahnen, die von gestern stammen.
Die Idee freier Menschen in freier Vereinbarung passt zu einer Auffassung dynamischer Materie. Repressive Gesellschaftsformen passen hingegen zu den Weltmodellen der Vergangenheit. Es entspricht ihrer Art, das Gestrige zu retten, dass sie sich nur langsam verabschieden und dabei erbitterter um ihren Erhalt kämpfen als die veralteten Theorien der Welterklärung.

Gesellschaft und soziales Lernen
Das Prinzip des dynamischen Materialismus kehrt auf allen Stufen der Evolution wieder. Auch das Kulturelle als neues Handlungsniveau nach der Evolution von Materie und Leben verändert die Tatsachen, entweder innerhalb gegebener Möglichkeitsräume, innerhalb eines gegebenen Rahmens oder bei der Infragestellung und Außerkraftsetzungen des gegebenen Rahmens selbst, so dass völlig neue Möglichkeiten entstehen können. Auch die Grundlage der kulturellen Evolution ist, im weitesten Sinne des Begriffs, materieller Art. Zwänge, ökonomische Bedingungen, Wissen und Zugang zu Wissen, Diskurse - all das ist zwar oft schwer lokalisierbar, aber die konkreten Verhältnisse entstanden nicht im luftleeren Raum, sind keine göttlichen Vorgaben oder Materialisierungen kosmischer Weisheiten, sondern ganz handfest die Folgen bisheriger Bedingungen und Ausgangspunkt zukünftiger Entwicklungen. Sie vereinheitlichend beschreiben oder gar auf einen oder wenige zentrale Ursachen zurückführen zu wollen, würde nur den Fehler wiederholen, denn PhysikerInnen mit ihrem Glauben an das Basisteilchen der Materie und GenetikerInnen mit ihrem Modell der statischen Kopie von Lebensbauplänen bereits hinter sich haben. Auch gesellschaftliche Bedingungen sind hochkomplex und dynamisch. Sie beschreiben das unsichtbare Geflecht zwischen den AkteurInnen. Sie, die Menschen und ihre freien Zusammenschlüsse, sind TrägerInnen der Information über gesellschaftliche Bedingungen. Sie können sie in technische Abbilder, Regeln oder andere Festschreibungen übersetzen. Aber sie bleiben an den Menschen gekoppelt. Auf ihn wirken die gesellschaftlichen Bedingungen - und er wirkt auf diese. Ohne eine steuernde Zentrale entsteht daraus das, was im Begriff "Gesellschaft" als Summe unzählbarer Einzelbeziehungen gedacht wird. Das Sein verändert das Bewusstsein - und umgekehrt. Alles ist ganz materiell, d.h. auf konkreten Begebenheiten beruhend und aus sich selbst heraus erklärbar. Aber diese materielle Basis ist komplex und dynamisch, sie trägt eine lange Geschichte der Entwicklung in sich.

Es bleibt nichts übrig ...
Es gibt keinen metaphysischen Rest, keinen Platz für Gott oder eine höhere Vernunft, die jenseits der Ankoppelung an das Leben und die dort entstandenen komplexen Organe existieren.

Aus Möll, Marc-Pierre: "Kontingenz, Ironie und Anarchie - Das Lachen des Michel Foucault" (Quelle)
Nach Foucault verwirklicht das "Selbst" seine Autonomie nicht, indem es eine bestimmte "Identität mit sich" zu erreichen versucht. Es gibt kein Wesen des Menschen, keine Idee der "Menschenwürde", die zur Norm von Selbstbestimmung gemacht werden könnte, so dass sich die moralische Ausrichtungen der Individuen der "Disziplin der Vernunft" zu unterwerfen hätten. Foucault definiert den Begriff der "Autonomie" weit abstrakter als Kant, nämlich als die Fähigkeit, sich stets "von sich selbst zu lösen", um mit sich zu "experimentieren", um offen für bisher ausgeschlossene Weisen der Selbstverwirklichung zu bleiben. Foucaults Denken vermeidet so den "metaphysischen" Rest, den Kant mit der Idee der "Menschenwürde" und eines dem Menschen "eigentlichen Selbst" noch bewahrt. Kants Anspruch, das Prinzip für moralisches Handeln entdeckt zu haben, stellt sich Foucault als Versuch dar, eine Form von moralischer Subjektivität zu erfinden und anzuempfehlen. Da Kant alle vernünftigen Wesen auf diese moralische Identität verpflichten will, handelt es sich bei seinem Prinzip um eine Ausübung von Macht, die andere Konzepte von Humanität disqualifiziert.

Die Welt ist Materie, aber nicht einfach nur gestapelte Atome. Sie ist auch nicht im Gleichgewicht. Auch die Ökologie musste längst ihre Dogmen neu sortieren. Die vermeintlichen Kreisläufe und Natürlichkeiten sind tatsächlich alles Prozesse und Entwicklungen. In diesen treten zwar Zyklen auch, viele sogar und vielfach verschachtelte. Aber insgesamt unterliegen Populationen, Böden, Biotope und mehr einer Entwicklung. Jedes erreichte Niveau schafft Bedingungen für ganz neue Prozesse. Nichts kehrt auf Dauer immer nur zum Ausgangspunkt zurück.

Ihre Route wird neu berechnet ...
Das zweite, vorsichtige Fazit lautet: Wir können wählen zwischen Anpassung und Selbstentfaltung
Menschen verändern sich - und zwar richtig materiell. Sie tun das ständig, denn Menschen sind immer eingebunden in die Umgebung. Selbst wenn ein Mensch an einen einsamen Ort ziehen würde - er hätte viele Jahre der Beeinflussung hinter sich, bis er diese Entscheidung trifft (und die Entscheidung wäre bereits ein Ausdruck dieser Beeinflussung, d.h. die Erfahrungen leben in dieser Entscheidung und allem, was daraus folgt, weiter). Andererseits beeinflusst der Mensch seine Umwelt, angefangen davon, dass diese von ihm wahrgenommen wird und Wahrnehmung sich verändert, bis dahin, dass menschliches Handeln die Umgebung formt. Aus dieser Lage kann der Mensch nicht heraus. Aber er kann entscheiden, wie stark er sich nur treiben lässt oder aktiv gestaltet. So oder so wird sich das verfestigen, denn jede Entscheidung schafft sich selbst die materielle Basis.

Aus der Erkenntnis, dass sich alles, was im und mit dem Menschen passiert, auch materiell niederschlägt, um dann als materielle Grundlage für die weitere Entwicklung zur Verfügung zu stehen, ergeben sich Gefahr und Chance.
Die Gefahr ist, dass sich fremdbestimmte Verhältnisse, Rollenzuschreibungen, Diskurse usw. verfestigen. Was im Rahmen von Erziehung, Ausbildung, medialer oder anderer Beeinflussung in den Körper "eingebrannt" ist, lässt sich so einfach nicht wieder vertreiben. Neu formatieren und bespielen wie eine Computerfestplatte lassen sich Gehirn und der ganze Körper nicht. Ängste, Vorurteile, Gewohnheiten - das alles ist nicht nur ein Gedanke, sondern materiell verfestigt.

Internet und Trivialisierung
Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München (S. 130)
Die Frage bleibt aber bis heute unbeantwortet, ob das Internet, so wie es sich global innerhalb der Weltgesellschaft entfaltet hat und noch weiter ent wickeln wird, tatsächlich dazu beitragen kann, nicht nur das Angebot an rele vanten Informationen zu vergrößern und deren Austausch zu erleichtern, sondern damit auch die Kommunikation zwischen den Menschen und Völkern zu verbessern. Diese Bedingung ist nicht automatisch erfüllt. Zunächst erlaubt ja ein elektronisches Netzwerk wie das Internet nur die schnelle und unkomplizierte Bereitstellung einer ungeheuren Datenfülle für alle, die über die geeigneten Sender- und Empfangswerkzeuge verfügen. Kommunikation zwischen Menschen verlangt jedoch mehr als Datenaustausch. Der Datentransfer muss das Bewusstsein der vernetzten Menschen ansprechen, muss bei ihnen Betroffenheit und Nachdenklichkeit auslösen. Daten müssen gedeutet, inhaltlich verarbeitet, gedanklich "verdaut" werden, um nichttriviale Schlüsse für nichtautornatische Reaktionen daraus ziehen zu können. Kom munikation zwischen zwei Personen, die über den unreflektierten Austausch von Daten hinausgeht, ist ein kreativer Prozess, durch den ein neues Ganzes geschaffen wird, das mehr ist als die Summe aller ausgetauschten Daten. Gewiss, ohne die Möglichkeit des Datenaustausches gibt es keine Kommu nikation. Doch gilt auch umgekehrt: Bei einer Datenüberschwemmung sinken die Möglichkeiten der Kommunikation, da keine Zeit mehr bleibt, die Daten entsprechend ihrer Relevanz zu gewichten und werten zu können und ihnen die angemessene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Die Fähigkeit zur totalen Anpassung kann widerständige Neigungen und Reflexe minimieren, das Schwimmen im Strom wird optimiert. Denn Strömungsrichtung und -eigenschaften ändern sich ständig. Als weitere Gefahr kommt hinzu, dass diese Verfestigung eine Gewohnheit schafft, aus der auszubrechen Ängste hervorrufen kann. Die Unsicherheit aus gefühlter Selbstgestaltungsunfähigkeit bei Loslösung aus äußeren Zwängen wird oft mit neuen externen Geborgenheiten wie Religionen, Heilslehren, Fluchtdrogen oder selbstaufgebende Anlehnung an andere Personen kompensiert.

Andererseits, und das ist die Chance, bedeutet dieselbe Erkenntnis der materiellen Verfestigung von Überzeugungen und Lebenspraxen auch, dass sich befreiende gesellschaftliche Verhältnisse, ja bereits ein verändertes Denken über kurz oder lang ebenfalls verankern. Selbstentfaltung, widerständige Praxis und Selbstorganisierung im Leben setzen sich im Körper fest, werden zur materiellen Ausstattung unseres Lebens und der Handlungsmöglichkeiten, die sich uns bieten. Emanzipation schafft sich daher die materiellen Bedingungen für jede weitere Befreiungsstufe selbst. Das Erreichte läuft nicht Gefahr, einfach so verloren zu gehen. Die Neigung zum eigenständigen Entscheiden "brennt" sich ein im Körper, wird also zur alltagstauglichen Ausstattung. Aus der Angst und Unsicherheit, die (selbstverschuldete) Unmündigkeit zu verlassen, entsteht die Routine der Selbstbestimmung. Es bleibt allerdings immer die Gefahr, dass in länger andauernden Prozessen wieder alles überprägt werden kann - so, wie es auch entstehen kann.
Auch für unsere Kinder fällen wir diese Entscheidung. Wir können sie zurichten oder sich entfalten lassen. Wir können ihnen Zeit geben oder sie hetzen in Richtung eines bestimmten Bildes des zukünftigen Menschen. Zwar wird das nie vollständig gelingen, einen Menschen nach einem vorüberlegten Abbild zu gestalten, ebenso kann ein Mensch nicht unbeeinflusst von anderen aufwachsen, aber es bleibt eine große Spanne, welche Tendenz prägend ist.

Wir können also wählen zwischen dem Mitschwimmen im Strom oder einer Eigenartigkeit, der Entfaltung bestehender und zusätzlich anzueignender Fähigkeiten und Neigungen. Der Wechsel zwischen solchen Orientierungen kann Verunsicherung erzeugen, aber das Wissen darum, dass wir mit jeder Entscheidung auch unsere eigene Konstitution prägen, kann Mut machen, eine Veränderung zu wollen. Jeder Schritt, jede Aneignung von Fähigkeiten und jeder neue Mut zum eigenständigen Handeln verfestigt sich materiell und ist die Basis für alle weiteren Handlungen. Es ist eine Evolution der Handlungsmöglichkeiten, so wie der Sprung zurück in den Strom des Mitschwimmens unsere Fähigkeiten zur Selbstorganisierung auch tatsächlich verringern lässt.

Auch die Frage der gesellschaftlichen Utopie stellt sich ganz anders, wenn klar ist, dass Qualitäten und Handlungsmöglichkeiten mit der Entwicklung ausgedehnt werden können, mitunter völlig neu entstehen. Das ängstliche Klammern an den Status Quo, die mit riesigen Ressourcen krampfhaft auch in die Zukunft hineingerettete Vergangenheit ist ein gigantischer Hemmschuh der Entwicklung.

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