Stiftung Freiräume

STRAFE - RECHT AUF GEWALT

Versuch über Perspektiven


1. Die Kapitel des Fragend-voran-Büchleins
2. Wieso straft Mensch?
3. Von Orten der Gewalt und bösen Taten
4. Strafe – die gute Gewalt
5. Im Namen des Rechts und der Gerechtigkeit
6. Der offizielle Strafzweck
7. Das grosse Ziel
8. Was ich eigentlich sagen wollte...
9. „Es gibt eine gewisse Eigenverantwortung“
10. „Wenn nichts mehr geschützt ist, kann nichts mehr gelebt werden“
11. „Kriminalität ist ein gesellschaftlicher Prozess“
12. Eine gewaltfreie Welt ... und wie man das nicht erreicht
13. Versuch über Perspektiven
14. Impressum

Greift man in irgendeiner Diskussion die gegenwärtigen Verhältnisse an, so wird man umgehend nach einer Alternative gefragt. Hat man keine, so ist die Diskussion praktisch verloren. Gerade in der Strafdiskussion ist „was gibt es denn für eine Alternative?“ eine beliebte und häufig verheerende Standardreaktion. „Alternative“ bedeutet hier soviel wie: Wenn man auf Gewalt nicht mehr mit Strafe reagiert, was macht man dann? Wie würde eine Straffreie Gesellschaft konkret aussehen? Wie würde sich das Alltagsleben der Menschen gestalten? Wie würden Konflikte konkret überwunden? Und so weiter.

Zweifellos werden solche Fragen zentral, sobald man Gewalt konsequent ablehnt und auch strafende Gewalt nicht mehr legitimiert. Doch neben ein herrschendes System eine Alternative zu stellen, bedeutet, sich ein Leben, eine Gesellschaft, unter anderen Umständen konkret vorzustellen. Heisst, sich dieses Leben auszumalen, Annahmen zu machen, Thesen zu entwickeln, Theorien aufzustellen – und sich einzuschränken. Letztlich bedeutet dies, eine Zukunftsvorstellung zu haben, eine Utopie. Gerade hier entsteht aber das nächste Problem. So schrieb Ted Kaczynski[1] in einem Brief aus dem Gefängnis:

Ich meine, dass Utopien wahnsinnig und gefährlich sind, [...]vor allem die Utopie, dass man eine Gesellschaft nach einem bestimmten idealen Muster erschaffen könnte. Sie selbst haben zweifellos Ihre eigene Vorstellung von einer Utopie. Ein anderer Mensch hat eine andere Vorstellung, die sehr verschieden von der Ihrigen sein kann. Würde es Ihnen gefallen, dass er Ihnen seine Utopie aufzwingt? Haben Sie das Recht, ihm Ihre Utopie aufzuzwingen? [...]Sie fragen, wer ist berechtigt, das Recht zu setzen? Ich behaupte, niemand ist dazu berechtigt.[2]

Jeder hat seine eigene Vorstellung von einer schönen Welt. Seine eigene Utopie. Ich auch. Wenn Sie wollen, fragen Sie mich danach. Aber sobald ich versuche, andere von meiner Utopie zu überzeugen und sie letztendlich anderen aufzuzwingen, sobald ich meine Utopie als Alternative hinstelle, mache ich nichts anderes als das, was unsere jetzige gesellschaftliche Ordnung so schädlich und lebensfremd macht. Die Vorstellung einer gesellschaftlichen Ordnung (wie man sie gegenwärtig mit Hilfe von Recht und Staat realisieren will) ist schliesslich nichts anderes als eine solche Utopie, eine gesellschaftliche Idealvorstellung, die man mit der Bestrafung abweichenden Verhaltens durchsetzen und somit anderen aufzwingen will. Braucht man also eine Alternative, um zu sagen, dass dies keine Rechtfertigung hat?

Aber um ganz zum Schluss auch dem Stichwort „Alternative“ gerecht zu werden: Ja, es gibt sie. Die Alternativen! Gemeint ist: es gibt selbst in unserer zeitgenössischen strafenden Gesellschaft zahlreiche straffreie Lösungen im Umgang mit Gewalt. (Was da so alles entstehen könnte, würde man die Legitimation von Strafe aberkennen – huii, da wage ich gar nicht erst meiner Phantasie freien Lauf zu geben.) Sie wurden in der Arbeit zwar schon öfters angesprochen und werden auch in den Interviews noch zu Genüge behandelt (sehr interessant dazu die „kommunikative Gesellschaft“ von Jörg Bergstedt, Seite 95). Hier sollten aber auch die etwas konkreteren und weniger utopischen alternativen Umgangsformen einmal erwähnt werden.

Als eines dieser Beispiele könnte man den Täter-Opfer-Ausgleich nennen. Er ist die wohl am meisten verbreitete Alternative zur herkömmlichen Strafjustiz und beruht auf dem Gedanken der Streitschlichtung. Kriminalität wird vordergründig als ein Konflikt verstanden, den es zwischen den beiden betroffenen Parteien (Opfer und Täter) zu lösen gilt. Gleichzeitig rückt die Perspektive des Opfers hierbei in den Vordergrund. Mit Hilfe aussenstehender Personen soll gemeinsam eine Lösung der vorhandenen Probleme gefunden werden. Dahinter steht die Ansicht, dass Kriminalität, entgegen den heutigen Beschwörungs- und Verdammungsritualen, soziale Lernprozesse in Gang setzen könnte. Durch die direkte Auseinandersetzung mit der Tat zwischen Opfer und Täter treten soziale Beziehungen in den Vordergrund und wird zwischenmenschliche Kommunikation gefördert. Im Zentrum steht Verantwortung, Schadenswiedergutmachung und Problemlösung. Nicht Vergeltung, Unterdrückung und Gewalt.[3]

Die amerikanische Bürgerrechtlerin und Soziologin Angela Y. Davis schreibt auf die Frage „Und was wird mit den Mördern und Vergewaltigern geschehen?“ die Geschichte eines dramatischen Erfolges eines Versöhnungsexperimentes: Das Schicksal einer weissen Wissenschafterin, die von jungen südafrikanischen Männern getötet wurde:

Während der entscheidenden Übergangszeit Südafrikas im Jahr 1993 widmete die amerikanische Auslandstudentin Amy Biehl einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit dem Aufbau eines neuen Südafrika. Nelson Mandela war 1990 freigelassen, aber damals noch nicht zum Präsident gewählt worden. Am 25. August 1993 furh Biehl einige schwarze Freunde aus Guguletu nach Hause, als eine Hassparolen gegen Weisse schreiende Menge sich ihr in den Weg stellte und einige Personen aus der Menge sie mit Steinen und Messerstichen töteten. Vier der an diesem Angriff beteiligten Männer wurden dieses Mordes für schuldig befunden und zu achtzehn Jahren Haft verurteilt. Im Jahr 1997 entschlossen sich Amys Eltern, Linda und Peter Biehl zur Unterstützung der bitte um Amnestie, die die Täter bei der Wahrheits- und Versöhnungskommission eingereicht hatten. Die vier baten die Biehls um Verzeihung und wurden im Juli 1998 freigelassen. Zwei von ihnen, Easy Nofemela und Ntobeko Peni, trafen später mit den Biehls zusammen, die sich trotz grossen Drucks von aussen zu dieser Begegnung bereit fanden. Nofemela berichtete später, er habe ausführlicher über seine Reue über die Ermordung der Tochter der Biehls sprechen wollen, als dies bei der Anhörung vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission möglich gewesen sei. „Ich weiss, dass Sie einen Menschen verloren haben, den Sie liebten“, zitierte er später seine Äusserungen bei diesem Treffen. „Ich möchte Sie bitten, mir zu vergeben und mich als Ihr Kind anzunehmen.“

Nach dem Tod ihrer Tochter gründeten die Biehls die Amy Biehl Foundation, und sie baten Nofemela und Peni, für die Niederlassung dieser Stiftung in Guguletu tätig zu werden. Nofemela wurde Trainer eines nachmittäglichen Sportprogramms für Schulkinder und Peni übernahm eine Arbeit in der Verwaltung. Im Juni 2002 begleiteten sie Linda Biehl nach New York, wo dann alle drei vor der American Family Therapy Academy über Versöhnung und Wiedergutmachung im Justizbereich sprachen. In einem Interview mit dem Boston Globe antwortete Linda Biehl auf die Frage nach ihren Gefühlen für die Männer, die ihre Tochter getötet hatten: „Ich empfinde grosse Liebe für sie.“ Nach dem Tod Peter Biehls im 2002 kaufte sie Nofemela und Peni zum Andenken an ihren Mann zwei Grundstücke, um ihnen zu ermöglichen, sich ein eigenes Heim aufzubauen. Zuvor hatte man die Biehls einige Tage nach den Angriffen des 11. September gebeten, in einer Synagoge ihrer Gemeinde zu sprechen. Peter Biehl schilderte später, dass „wir versuchten, klar zu machen, dass es sich manchmal lohnen kann, zu schweigen und zuzuhören, was andere Leute zu sagen haben, und zu fragen: ‚Weshalb geschehen solche furchtbare Dinge?’, statt einfach nur auf sie zu reagieren.“[4]



[1] Theodore („Ted“) John Kaczynski ist amerikanischer Mathematiker. Er wurde im Mai 1998 zu lebenslanger Haft ohne Möglichkeit auf Bewährung verurteilt, weil er beschuldigt wird, im Zeitraum von 1978 bis 1995 16 Briefbomben an verschiedene Personen in den USA verschickt zu haben, wodurch drei Menschen getötet und weitere 23 verletzt wurden. Bevor seine Identität bekannt war, wurde er als Unabomber (university and airline bomber) bezeichnet, da er die Bomben vornehmlich an Universitäten und Fluggesellschaften geschickt hatte. 1995 Verschickte Kaczynski anonym ein 35.000 Wörter langes, durchaus philosophisches Manifest an die Medien, in dem er für die Aufgabe des technologischen, lebensfeindlichen Systems und für die Rückkehr zur Natur plädiert. [Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Ted_Kaczynski]

[2] Ted Kaczynski in einem Brief an Lutz Dannbeck, veröffentlicht in dessen preisgekrönten Dokumentationsfilm „Das Netz“, 2003

[3] Quelle: „Funktion und Wirkung des Strafens im bestehenden Strafjustizsystem“, Denkmal 04/2005, S. 12f

[4] Angela Y. Davis, Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse?, Berlin 2004 (New York 2003) S. 140ff

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