Stiftung Freiräume

STRAFE - RECHT AUF GEWALT

Die alles entscheidende Frage


1. Eine gewaltfreie Welt ... und wie man das nicht erreicht
2. Von Gewalt, Kriminalität und was davor geschieht
3. Von Schuld und Verantwortung
4. Von Verbrechen und wie man sie verarbeitet
5. Von Sündenböcken und fragwürdigen Ursachen
6. Das Recht – wessen Recht?
7. Ich will nur das Beste für dich!
8. Von Rache und Gerechtigkeit
9. Die alles entscheidende Frage
10. Von Reformen und wie es sein sollte

Nicht, dass sie verschwinden würden, nein. Ebenso wenig wie Gewalt als solche verschwinden wird. Nun geht es auch nicht darum, Gewalttaten aufgrund der gesellschaftlichen Mitverantwortung zu rechtfertigen. Aber darum zu erkennen, dass Strafe ebenso ungerechtfertigte Gewalt ist wie die vorangehende Gewalttat. Und dadurch, dass sie toleriert, legitimiert, ja, sogar als gut, richtig und gerecht angesehen wird, eine besonders schmerzvolle, brutale und zerstörerische Form von Gewalt. Dass es nicht möglich ist, dem Menschen Gewalt auszutreiben, hat auch der französische Philosoph und Humanist Albert Camus festgestellt:

Leute wie ich möchten keineswegs eine Welt, in der man sich nicht mehr tötet (wir sind nicht so verrückt!), sondern eine Welt, in welcher der Mord nicht legitimiert ist.[1]

Sie werden nun vehement kontern, dass nirgendwo in unserer Gesellschaft Mord – oder Gewalt allgemein – legitimiert werde. Der Grund für die Tatsache, dass wir in der heutigen Welt nicht das Gefühl haben, Mord – oder Gewalt allgemein – sei legitim, fasst er im Folgenden Satz zusammen:

[...]Das ist eine Ungereimtheit dieses Jahrhunderts. So wie man sich per Telefon liebt und wie man nicht mehr mit dem Material, sondern mit der Maschine arbeitet, tötet man heute in Stellvertretung und wird auch so getötet. Man gewinnt dadurch an Sauberkeit, verliert aber an Erfahrung.[2]

Deshalb müsse man sich, bevor man sich mit den übrigen Problemen befasse, vor jeglicher Erarbeitung einer Theorie, heute zwei Fragen stellen:

Wollt ihr direkt oder indirekt getötet oder gewalttätig behandelt werden, ja oder nein? Wollt ihr direkt oder indirekt töten oder Gewalt antun, ja oder nein?“ Alle, die diese beiden Fragen mit Nein beantworten, werden automatisch in eine Reihe von Konsequenzen verwickelt, welche die Art, wie sie die Frage zur Diskussion stellen, sicher beeinflussen.[3]

Wir sehen, letztendlich geht es um die Frage: Wie gehen wir mit Gewalt um? Heute pflegen wir den Umgang, Gewalt in schlechte und gute Gewalt zu unterteilen. Wir setzen auf der einen Seite das Recht, Gewalt, die man anwenden darf, und auf der anderen Seite das Unrecht, Gewalt, die man nicht anwenden darf. Sie sagen nun, dass die heutzutage bestrafte Form von Gewalt legitimiert wird, wenn die Bestrafung wegfällt. Wann immer jemand einem anderen Menschen Gewalt antut und diese Gewalt in der Gesellschaft toleriert, ignoriert oder gerechtfertigt wird, so wird sie legitimiert. Das zählt auch für die „eigentliche“, „kriminelle“ Gewalt. „Legitimation von Gewalt“ bedeutet nichts anderes, als dass Gewalt in bestimmten Situationen, unter bestimmten Umständen, um etwas Bestimmtes zu erreichen, richtig ist. Aber anders mit Gewalt umgehen können wir erst, wenn wir erkennen, dass Gewalt unter keinen Umständen recht ist, und damit unsere moralisch-rechtlichen Theoriengebäude zum Einsturz bringen.

[1] Albert Camus, Weder Opfer noch Henker – über eine neue Weltordnung, Diogenes, Zürich, 1996. S. 18 [Essay, erstmals erschienen 1946 unter dem Titel „Ni victims ni bourreaux“ in der Zeitung „Combat“]

[2] ebenda, S. 17

[3] ebenda, S. 15f

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