Stiftung Freiräume

BEWEGUNG 2.0: MANAGER AND FOLLOWER

Der Wellenreiter: XR (Extinction Rebellion)


1. Sei Rädchen im Protest - Einblicke in moderne Bewegungshierarchien
2. Simulation von Protest: Klicken und spenden
3. Bewegungsagenturen: Campact, .ausgestrahlt & Co.
4. Ende Gelände: Von der Bündnisaktion zum Hegemon der Klimabewegung
5. Ende Gelände kopiert: Kampagnen aus der Retorte
6. Der Wellenreiter: XR (Extinction Rebellion)
7. Fridays for Future - entstanden von unten, übernommen von oben?
8. Weitere Beispiele
9. Dienstleister: Firmen machen Verbände
10. Links

Entstanden in England, ist der deutsche Ableger der eindeutigste "Wellenreiter" der Klimadebatte. XR-Gruppen versuchen, den Hype ums Klima dafür zu nutzen, um maximal viele Menschen in ihren Verband zu bringen. Ihre Flyer, Plakate, Transparente, Sticker usw. enthalten kaum Inhalte. Auch die drei eisernen Grundregeln haben keine wirklichen Inhalte. In einer Mail am 27.1.2020 über eine öffentliche Klimabewegungs-Mailingliste benutzte XR selbst die Assoziation zur Welle: "XR organisiert sich in unseren großen Aktionen, den “Waves”."

Hanna Poddig über Inhalte bei XR, in: Klimakämpfe (2019, Unrast-Verlag, S. 55f)
Inhaltliche Positionierung ist leider bei XR Fehlanzeige. Alle Ansätze einer inhaltlichen Debatte werden mit Verweis auf die geforderte Bürger*innenversammlung in die fiktive Zukunft abgeschoben – ein trauriges Armutszeugnis. Es hinterlässt ein zusätzlich ungutes Gefühl, dass das Symbol von XR überall präsent ist. Ein Logo wie das einer Firma. Als sei das Wichtigste an einer neuen Bewegung der Aufbau eines Corporate Design und durchgestyltes Auftreten. Es gibt Videos von Aktionen bei denen das Logo häufiger und besser sichtbar ist, als inhaltliche Transparente mit Forderungen. Zusätzlich fällt unangenehm auf, dass das Logo, wenn auch sicherlich zufällig, fatal an die neurechte Identitäre Bewegung erinnert.
Und dass es noch nicht einmal eine deutliche Distanzierung von rechter Politik gibt, finde ich wirklich erschreckend. Ich lese dazu auf der Homepage einen Satz, der nach gezielten Querfrontbestrebungen klingt: »We don’t think it is helpful to set this up as a fight between the ›left‹ and the ›right‹, we have an enormous challenge before us, we believe we need to lay down our differences and find our common ground.«

Auf Seite 63f zitiert Hanna zudem Texte von Teilnehmenden an XR-Aktionen:
Ich bin gestern mit #XRBerlin ein paar Kreisverkehre gefahren. Während der Fahrt untersagte ein Sprecher / Ordner das Anstimmen antikapitalistischer Gesänge. Auf (kritische) Nachfrage hieß es: ›Die Organisation bezeichne sich nicht explizit als antikapitalistisch‹ und ›Es gehe bei der Aktion um die Organisation, nicht um Meinungsfreiheit‹. XR fordert – in eintönigem Sound, ›Climate Justice!‹ und ›Now!‹ ...
Es hat sich gelohnt! Durch euren Einsatz hatten wir erstmals mehr Besucher und Likes an einem Tag auf der FB-Seite, als bei der Deklaration der Rebellion im April. Eure Opferbereitschaft hat unserem Bekanntheitsgrad einen mega Boost verpasst! Glaubt mir, 3000 Likes an einem Tag, ohne einen Cent für Werbung auszugeben, ist eine Wahnsinns-Leistung! Danke an alle, die dabei waren.«

Rebellisch ist der Schein, friedlich-harmlos das Sein
Der Begriff des Rebellischen im Namen von XR ist eine reine Propagandamaßnahme. Schon in den Grundsätzen steht, dass die Gruppen friedlich sein müssen. Viele (nicht alle) Akteur*innen sind denn auch jüngere Menschen aus bildungsbürgerlichen Schichten, die in ihrer Biografie selten oder nie um etwas kämpfen mssten - plus einige betagte Ex-Aktive, die in XR eine neue Heimat finden, nachdem sie aus den klassischen Organisationen oder Bewegungen viele Jahre vorher ermüdet ausgestiegen sind (oder in Machtkämpfen unterlagen).

"Rebell*innen", brauchen "vor allem Leute", keine Themen
Aus der Selbstdarstellung auf der Internetseite von XR Gießen
Wir sind eine noch relativ kleine Ortsgruppe aus ca. 15 Rebell*innen aber bauen uns gerade großflächiger auf. Dabei brauchen wir Unterstützung und vorallem Leute. Wenn du also etwas Zeit übrig hast und die Klimakrise bekämpfen willst bist du bei uns genau richtig.

Harmlos, mutlos, XR
Aus "Extinction Rebellion in Dresden: Alle fühlen sich wohl", in: taz, 22.8.2019
Ihre erste Aktion feiern alle Beteiligten mit zustimmenden Handzeichen, danach wird wieder gesungen. Der Plan, nun eine Hauptverkehrsstraße zu blockieren, wird verworfen. Auf der ruhigeren Straße zwischen zwei Fußgängerzonen hätten sich alle wohlgefühlt, also wird hier auch die zweite Blockaderunde eingeleitet, sagt Kira. ...
Die Polizei ist verwirrt, wohl weil ihre Mannschaftsstärke eine Eins-zu-eins-Betreuung der rund dreißig Beteiligten zuließe. Die Polizei fragt, ob die Klimaschützer nun eine Demo anmelden wollen. Doch auch das wollen die DemonstrantInnen erstmal im Plenum beraten, wie sie der Polizei freundlich mitteilen und sich artig bei ihr bedanken. Der Grundsatz „alle sind willkommen, so wie sie sind“ scheint auch für die Polizei zu gelten.
Das Plenum, der Polizeibeauftragte, der inzwischen kein Yoga mehr macht, und die Polizei einigen sich auf die Anmeldung einer Spontandemonstration. Der Anregung der Polizei, diese auf die Fußwege der Dresdner Altstadt zu beschränken, kommen die KlimaschützerInnen bereitwillig nach. Als sie zum Schluss auf dem Schlossplatz einlaufen, singt eine Straßenmusikantin Puccinis Arie „O mio babbino caro“.
Die KlimaschützerInnen klatschen begeistert, dann ziehen sie sich zum Biertrinken der „Regenerations-AG“ zurück. Die will wissen, wie sich alle bei der Aktion gefühlt haben. Kira ist zufrieden: Swarming, Die-In, Demo – „alle Aktionsformen an einem Tag geschafft“, sagt sie.


taz empfiehlt klare Hierarchien bei XR - wegen Geld!
Aus einem Kommentar von Heike Holdinghausen, Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt, in: taz am 19.8.2019
Nicht sexy, aber nötig: Extinction Rebellion braucht Hierarchien, klare Regeln und eine Satzung, wenn die Bewegung langfristig erfolgreich sein will. ...
Wer große Geldsummen annehmen will, muss sich professionalisieren und landet am Ende dort, wo BUND, Nabu, Greenpeace oder Urgewald schon sind. Dass viele der junge Wilden dort nicht hinwollen, ist verständlich. Sie setzen lieber Themen, dominieren die politische Debatte. Aber das wird sich erschöpfen. „Die Bewegung“ wird nicht 80 Prozent der Menschheit überzeugen, mal schnell das Klima retten und die Demos schließlich einstellen können. So funktioniert nicht mal die Demokratie im kleinen Deutschland – und der Rest der Welt schon gar nicht. ...
Auch deren etablierte Organisationen sind aus sozialen Bewegungen hervorgegangen. Neben Fridays for Future und Extinction Rebellion mögen die NGOs verstaubt wirken. Doch ob die Rebellen wollen oder nicht: Sie sind den Etablierten schon jetzt näher, als sie glauben. Sie stützen sich auf ihre Erkenntnisse, in ihnen finden sie ihre zuverlässigsten Verbündeten. Wenn es gut läuft, gelingt es Extinction Rebellion, ihre Kraft in eine Form zu gießen. Dann gibt es eine schlagkräftige NGO mehr, mit jungen Mitgliedern, breit verankert, solide finanziert. Arm ist eben nicht sexy.


Avantgarde der Bewegung?
Bisher war alles Unsinn, aber jetzt kommen wir - so oder ähnlich tritt XR oft auf. Sie spannen dreist ihr Verbandslogo-Transparent vor dem schön gemalten Fronttranspi der FridaysForFuture-Demo und kleben mit ihrer inhaltsleeren Sanduhr zu, wo auch immer für einen Sticke Platz ist.

Hanna Poddig über Arroganz bei XR, in: Klimakämpfe (2019, Unrast-Verlag, S. 61f)
Ich stöbere weiter in Foren, pads, wikis und Debatten und mir begegnet permanent eine gewisse Überheblichkeit. »Das ist kein gewöhnlicher Protest, das ist keine Demo wie jede andere: Es geht um alles«, lese ich beispielsweise. Oder »Die größte strategische Gefahr sehe ich jedenfalls im Moment darin, mit EG verwechselt zu werden, einfach weil sich unsere Mittel auf den ersten Blick so gleichen und die Gefahr groß ist, genau wie EG in der links-aussen-Ecke verortet zu werden – und damit insgesamt erfolglos zu bleiben wie alle anderen Akteure im Klima-Bereich, ob es bürgerliche NGOs, linke Splittergruppen, direct action groups oder Parteien waren.« Diese kategorische Abgrenzung gilt absolut nicht für alle XR-Gruppen, in vielen Städten gibt es fruchtbare Kooperationen mit Ende-Gelände-Gruppen oder Fridays for Future. Intern überwiegt online jedoch bedauerlicherweise die Abgrenzung als etwas vermeintlich effizienteres, besseres, als hätte nur XR die einzig wahre Art entwickelt, das Klima zu retten.
Meine Kritik mag unfair wirken oder kleinlich. Menschen könnten mir entgegenhalten, ich sei zu streng mit einer neuen Bewegung oder neuen Aktiven. Aber ich glaube, es geht um etwas anderes: XR hat etwas unechtes und arrogantes. Strukturen und Inhalte werden nicht von den Aktiven selbst entwickelt, sondern vorgegeben. Aber Bewegung lässt sich nicht in einem universitären Hinterzimmer auf dem Reißbrett erstellen. Die Entscheidung z.B. für Gewaltfreiheit haben nicht Menschen miteinander getroffen, die verschiedene Ideen ausgehandelt haben. Im Gegenteil: Ein paar studierte Akademiker*innen haben sich zusammengesetzt und versucht, durch Forschung herauszufinden, wie eine möglichst effiziente Bewegungsorganisation aussehen müsste. Angeblich haben sie Erfolgschancen mathematisch berechnet. Wer die Welt und die eigenen Mitmenschen als etwas ansieht, dass sich berechnen ließe, wird mit dieser Denklogik viele der grundlegenden Probleme auf dieser Welt nicht lösen können. Was wir brauchen ist Unberechenbarkeit, Unkontrollierbarkeit, Emanzipation und Spontanität statt Dogmatismus. Und erst recht keine Ökodiktatur, die sich rebellisch nennt.

Ein Beispiel für diese Orientierung zeigte ein Vortrag in Gießen am 21. Oktober 2019. Zusammen mit dem AStA, der sich sonst sehr schwer tun, mal mit aktivistischen Gruppen zu kooperieren, ging es um "Ziviler Ungehorsam in Giessen - 80er Jahre und heute". Ein Referent war in den 80er Jahren aktiv, die andere Referentin ganz neu dabei. Obwohl Gießen seit Jahrzehnten eine Hochburg kreativer Widerstandsaktionen ist, schafften die beiden es, nur über die uralte Friedens- und Anti-Atom-Bewegung sowie über XR zu reden. Alles andere, obwohl in Gießen klar prägend, war nicht einmal der Erwähnung wert. XR ist eben das einzig Wahre - selbst ohne klare Inhalte, ohne eine wirkliche Strategie. Das klingt fast religiös ... und die Referentin wies das auch gar nich von sich.

Aus einem Bericht über den Abend im Gießener Anzeiger am 23.10.2019 (S. 21)
Den gerade von Altlinken wie Jutta Ditfurth geäußerten Vorwurf, ER geriere sich wie eine esoterische Sekte, konterte Keller mit dem Hinweis auf die stets starke spirituelle Grundierung zivilen Ungehorsams. Gandhi oder Martin Luther King seien tief religiöse Menschen gewesen und auch der Widerstand gegen die nukleare Aufrüstung sei – gerade auch in Gießen – vor allem von christlichen Gruppen, etwa in der evangelischen Studentengemeinde ESG, getragen worden. Mausbach bestätigte das. Bei der Besetzung des Großen Sterns rund um die Siegessäule in Berlin habe teilweise eine Atmosphäre wie bei einem Kirchentag geherrscht.
Das Dilemma, dass Bewegungen, die in die Politik gehen, dort schnell von den Spielregeln des Parlamentarismus absorbiert werden, um dann genau wie die anderen Parteien aus Angst vor der Abstrafung durch den Wähler auf unpopuläre, aber notwendige Maßnahmen verzichten, will ER durch eine „Bürgerversammlung“ umschiffen. Deren Mitglieder würden nicht mehr gewählt, sondern repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ausgelost. Beraten von Experten erarbeite die Bürgerversammlung dann Vorlagen, die von den Politikern umgesetzt werden müssten.

Interessant auch, dass Stadträtin Gerda Weigel-Greilich und der frühere Unipräsident Prof. Heinz Bauer die Veranstaltung besuchten. Sie zeigten sich in der Diskussion laut dem Presseartikel "für einige Ideen von ER aufgeschlossen" (der Autor hat fälschlich die Abkürzung ER statt XR verwendet). Besuche solcher Leute auf Veranstaltungen politischer Aktionsgruppen sind in Gießen extrem selten. Auch das kann zeigen, dass XR als harmlos, aber nützlich angesehen wird.

Nichtsdestotrotz: XR zieht - durchaus oft auch wegen, nicht trotz ihrer Inhaltsleere und Beliebigkeit viele Menschen an. Der rebellische Flair in Verbindung mit der tatsächlichen Geborgenheit in einer identitätsstiftenden Gruppe reist offenbar. Viele derer, die hier zunächst einmal angezogen werden, wären sicherlich auch bereit, eigene Ideen zu entwickeln und nicht ständig Fahnen, Skulpturen und anderes in Sanduhrform zu basteln. Es lohnt sich daher, mit XR-Gruppen Kontakt zu halten und immer wieder Menschen zu ermutigen, nicht nur einer Herde hinterzulaufen, sondern eigene Projekte anzupacken - mit oder ohne Sanduhr.


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Kommentare

Philipp am 20.06.2020 - 17:11 Uhr
Der ganz unten genannte "kritisch-solidarische Artikel über XR" stammt original nicht aus dem Untergrundblättle, sondern wurde am 8.10.2019 veröffentlicht auf dem Blog metronaut.de.
Titel: "Extinction Rebellion: Der Gegner sitzt nicht in der Blockade"
Autor: Mikael in den Fahrt
URL: www.metronaut.de/2019/10/extinction-rebellion-der-gegner-sitzt-nicht-in-der-blockade/


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