Stiftung Freiräume

WER SCHUF DEN MENSCHEN? GOTT! WER SCHUF GOTT? DIE MENSCHEN!

Buchvorstellungen zum Themenbereich


1. Religiöse Wahrheit - nein Danke!
2. Kirchen- und Religionskritik
3. Bibelkritik
4. Buchvorstellungen zum Themenbereich

Es gibt eine Vielzahl von Büchern zu den großen Kirchen und den vielen Nebengrüppchen mit speziellen Glaubensrichtungen, von den staatlich geförderten Kirchen als „Sekten“ denunziert. Viele der Werke reihen Fakten einander, beleuchten die Schrecken in der Geschichte oder Gegenwart der großen Kirchen und ihrer nahestehenden Organisationen. Dass die Kirchen sowohl in ihrer (oft blutigen) Geschichte als auch in der Gegenwart ausreichend Stoff für kritische Sammlungen bieten, zeigt sich schnell. Ein Beispiel ist das empfehlenswerte „Loyal dienen“ von Corinna Gekeler (2013, Alibri in Aschaffenburg, 319 S., 22 €). Es bietet einen intensiven Einblick in die Diskriminierungen, die Arbeitsnehmer_innen in der Kirche erleiten – wegen fehlender Glaubenszugehörigkeit, „falscher“ sexueller Orientierung, unehelicher Schwangerschaften usw. Neben Fallbeispielen werden die Rechtslage, Positionen einiger Parteien und die Tätigkeiten kritischer Organisationen beschrieben. Ähnliche Einblicke bietet der Klassiker der Religionskritik von Joachim Kahl. Das 1964 erstmals erschienene Buch „Das Elend des Christentum“ in vom Tectum-Verlag in Marburg neu verlegt worden (216 S., 17,95 €) fügt in einer systematischen Gliederung all die Schrecken von 2000 Jahren zusammen – von Juden- und Hexenverfolgung bis zur Irrationalität des Gottesglaubens. Kahl präsentiert zudem Perspektiven einer stärkeren Verdrängung der Religiösität aus der Gesellschaft. 1993 fügte er einige aktuelle Kapitel hinzu, verließ dabei aber den systematischen Ansatz, so dass nun ein Buch mit enzyklopädischem Hauptteil und angefügten Einzelkapiteln vorliegt. Einen anderen Weg gehen Robert Kaufmann in „Götter-Menschen, Menschen-Götter“ (Angelika Lenz Verlag in Neu-Isenburg, 324 S.) und Hubert Mynarek in „Herren und Knechte der Kirche“ (2010, Ahriman-Verlag in Freiburg, 397 S., 24,80 €). Beides sind persönliche Aufzeichnungen, Erfahrungen und spontane Überlegungen, die ganz oder, bei Mynarek, weitgehend quellenlos die Betrachtungen des Autors aneinanderreihen. Ihre Texte sind oft eher Plaudereien als analytische Darstellungen. Kaufmanns Buch ist ein buntes Mosaik. Er springt durch die verschiedenen Themen von Gottesbildern über die Frage nach der konkreten Person Jesus zu Moses und Mohammed sowie schließlich einzelnen Themenfeldern wie das Mensch/Tier-Verhältnis. Die Texte bieten Anregung, aber kaum erschöpfende Darstellungen der Sachgebiete. „Herren und Knechte der Kirchen“ ist eine Autobiografie. Der Autor schildert seinen Weg in die Kirche, angefangen von der Kindheit über die eigene Priesterweihe zur theologischen Lehre. Sein Bruch mit der Amtskirche bedeutete das Aus vieler Möglichkeiten. Die Trennung von Staat und Kirche funktioniert erkennbar nicht. Erst ab Seite 337 kommt Mynarek in die Nähe des Themas, das der Buchtitel suggeriert. Das ist etwas wenig, der Titel damit eher eine Täuschung. Martin Urban schuf mit „Ach Gott, die Kirche!“ (2016, dtv in München, 270 S., 14,90 €) eine sehr ergiebige Darstellung des „Protestantischen Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation“ (Untertitel). Gleich in den ersten Zeilen stehen deutliche Worte: „Der islamistische Fundamentalismus verbreitet seit einiger Zeit im vermeintlichen Namen Allahs, „des einen Gottes“, überall auf der Welt Schrecken und Tod. Oft vergessen wir dabei, dass der Fundamentalismus, also die fanatische Überzeugung, im Besitz der Wahrheit über das Wesen und den Willen Gottes zu sein und deshalb radikale Herrschaft ausüben zu dürfen, bereits im Christentum zu finden ist: Über zwei ]ahrtausende fand sie ihren Niederschlag in furchtbaren Glaubenskriegen, Unterdrückung und im missionarischen Kolonialismus.“ (S. 9)
Schwieriger wird es bei den ideologischen Kritiken. Dabei kommt es auf sie im Besonderen an. Denn die Enthüllungen über die Praxis der Kirchen könnten gerade mit dem Verweis abgetan werden, dass es sich um irdische Verfehlungen handelt, angetrieben aus Macht- oder Profitinteressen, die fraglos in den Kirchen überall verbreitet sind. Doch sind Gottesglaube bzw. deren radikale Formen auch per se gefährlich? Das will zum Beispiel das Buch „Fundamentalismus für Einsteiger“ von Simon Schneeberger (2010, Alibri in Aschaffenburg, 197 S., 14 €) nachweisen. Doch es versagt dabei angesichts recht willkürlich aneinander gereihter, in der Tat haarsträubender Einzelbeispiele für wirre religiöse Theorien. Als Quellen werden fast ausschließlich Religionskritiken genannt, die Behauptungen über religiöse Eiferer sind unbelegt. Schlimmer aber ist noch: Die Brille, durch die Religion betrachtet wird, ist selbst hoch-dogmatisch. Kausale Zusammenhänge werden mittels Projektion erstellt, z.B. ab Seite 91 die Schilderung, dass zügelloser Sex das Klima gefährde. Aus den angebotenen Zitaten und Vorgängen lässt sich dieser Vorwurf nicht ableiten. Aber der Autor will das so sehen. Leider ist das nicht selten: Die Kritiker_innen der Kirche wollen bei ihrer – eigentlich wichtigen – Kritik an der Religion eigene Weltanschauungen bewerben. Besser machen es Andreas Edmüller in „Die Legende von der christlichen Moral“ (2015, Tectum, 250 S., 17,95 €) mit einer Kritik der nur vagen Legitimation und Fundierung einer auf Bibel und andere Überlieferungen gestützten Ethik und Christa Mulack in „Gewalt im Namen Gottes“ (2016, Tectum in Marburg, 382 S., 17,95 €). Sie begründet die besondere Neigung monotheistischer Religionen zu Unterdrückung und Kriegen mit deren Anspruch, die einzige und reine Wahrheit zu vertreten. Walter Witt macht es sich in „Die Bibel ist ein Märchenbuch“ (2015, Angelika Lenz, 283 S.) einfach, aber überzeugend: Er lässt die Bibel selbst reden – und die enttarnt sich schnell als menschenfeindliche Schrift. Die Kommentare des Autors sind zwischen den vielen Zitaten mit Fundstellenangabe fast überflüssig. Aus dem gleichen Verlag stammt „Tödliche Lehre“, eine Übersetzung von Wendell W. Watters US-amerikanischer Kritik am Christentum – einem Ritt durch verschiedene Themen, allerdings oft ohne besonderen Tiefgang und nur lückenhaften Quellenangaben.

Luther war Fundamentalist - das Grundproblem aber ist der Glaube
Luther ist tot. Gott noch nicht – und erst recht nicht diejenigen, die als Person oder Institution mit abenteuerlicher Berufung auf ein höheres Wesen (oder auch immer mal wieder auf Martin Luther, der als Gespenst daher dann doch noch weiterlebt) Menschen bevormunden, entmündigen, verführen oder bedrängen. Das Christentum hat die blutigen Seiten seiner Geschichte ebenso wie viele andere Weltanschauungen längst noch nicht hinter sich gelassen, auch wenn moderne Kampfbomber oder Konzerne nicht mehr offiziell im Namen Gottes ausbeuten, morden oder zerstören. Die Zeiten religiös motivierter Massenmorde sind aber auch in der das sog. Abendland prägenden Glaubensrichtung noch nicht lange vorbei. Christentum – das sind 2000 Jahre Blutspuren und Vernichtung. Dass andere Religionen ähnliche Wirkungen haben und in den christlich geprägten, kapitalistischen Kernländern bevorzugt kritisiert werden, sollte nicht länger verschleiern, dass das Christentum auf die gesamte Geschichte betrachtet den meisten Dreck am Stecken hat. Es hätte schon mehrfach genug Gründe gegeben, die zur Brutalität neigende Kirche schlicht zu verbieten – stattdessen wird sie aber weiterhin vom Staat stark gefördert. Da kann schon die Frage aufkommen, warum gerade die Freiheit der Religionsausübung in besonderer Weise geschützt ist. Wer religiöse Handlungen stört, ist bereits Straftäter_in – kirchliches Handeln wird hier über andere Grundrechte wie Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht gestellt. Was an Religion und Kirchen eigentlich so schützenswert ist, erschließt sich keinesfalls von selbst. Unfair ist es allerdings, wenn – wie Oliver Smiljic es in seinem Buch „Die missverstandene Religionsfreiheit“ (2014, Tectum in Marburg, 114 S., 19,95 €) macht – die Frage nach den Privilegien der Religion nur in Bezug auf nicht-christliche Religionen kritisch gesehen wird. Das für den doch recht hohen Preis recht dünne Buch erfüllt die Erwartung, die aus dem allgemein gehaltenen Titel folgt, nämlich nicht. Das eigentlich allgemein wichtige Thema wird nur unter zwei Aspekten etwas genauer untersucht: Die Beschneidung, beschränkt auf männliche Nachkommen, und der Anwendung der Scharia als islamisches Recht, hier begrenzt auf den Status von Frauen und auf die Frage der Religionsfreiheit. Zu diesem Punkten sind die Informationen präzise – aber insgesamt ist es eine ziemlich dürftige Auswahl ein Einzelaspekten.
Und außerhalb der Kirchen? Sieht es nicht besser aus – zwar unterschiedlicher, aber das Problem ist eben nicht die Frage, wie mensch glaubt, sondern in erster Linie, dass höhere Sphäre für über dem Menschen stehend hält und die Existenz von Verkünder_innen als Sprachrohre akzeptiert. In dieser Mischung bilden sich automatisch Hierarchien und (zumindest geistige) Unterwerfung, die Vorboten von Unterdrückung und mehr sind. Das ist in den Kirchen so – und in all dem, was von den Kirchen als Sekten oder Eso-Gruppen abgetan wird, genauso. Günther Zäuner beschreibt in „Hirngift&Seelenmord“ (2009, Goldegg in Wien, 447 S., 24,90 €) viele solcher Gruppen und ihre Funktionsweise. Das ist wertvoll, aber leider nimmt er dann die umgekehrte Kurve. In den letzten Zeilen des Buches plädiert er leidenschaftlich für einen Umstieg auf die klassischen Religionen. Diese stellen vermeintlich das Gegenteil der sog. Sekten dar. „Religionen respektieren meist die Autonomie des Einzelnen“ und „Religionen bieten Hilfe an“ steht da – wo das bei Kreuzzügen, Kolonialzeiten, heiligen Kriegen oder dem auch kirchlich abgesegneten Holocaust der Fall gewesen sein soll, wird dann nicht weiter erklärt …

Warum aber verfallen soviele Menschen religiösen Orientierungskrücken? Der Verhaltensforscher Gerhard Roth erklärt das in „Ach Gott, die Kirche!“ mit der Psyche der Gläubigen: „Wir Menschen bestehen aus widerstrebenden Tendenzen. Hierzu gehören unter anderem Aufregung und Ruhe, Bindung und Selbstbestätigung, Unterwerfung und Kontrolle, Versorgung und Autarkie, Harmonie und Kritik. Von frühester Kindheit an gehört es zu den Herausforderungen der Persönlichkeitsentwicklung, zwischen diesen polaren Tendenzen ein „leb-bares", wenngleich immer bedrohtes Gleichgewicht zu finden. Wird dieses Gleichgewicht gefunden, so sprechen wir von einem „in sich ruhenden“ und toleranten Menschen. Das sind aber offenbar nicht viele. Die Mehrzahl der Menschen strebt nach Ruhe, Bindung Unterwerfung, Versorgung und Harmonie. Religionen waren stets darauf ausgerichtet, dieses Streben zu bedienen. In einer unübersichtlichen und beunruhigenden, ja verängstigenden Welt liefern sie einfache Erklärungen, Sinndeutung, verlässliche Verhaltensregeln, Bindung und vor allem Trost und Zuversicht für die größte Bedrohung in unserem Leben, nämlich das Sterben und den Tod. Sie sind deshalb bis heute so erfolgreich, weil sie damit das vermitteln, was bereits das Kleinkind am nötigsten braucht: Schutz, Bindung und Tröstung. Damit begeben sich Kleinkind und Erwachsener in eine tiefe geistige und psychische Abhängigkeit.“ Sein Vorschlag: „Aus dieser Abhängigkeit führt nur der Prozess der Erziehung zur Mündigkeit, d.h. der Aufklarung, wie es der Philosoph Immanuel Kant thematisierte.“

Christlicher Fundamentalismus
Aus W.G. Meister, „Christlich-europäische Leitkultur“ (Band 1, S. 27f)
Gerlinde Wolf: Das multikulturelle Europa isl ideologisch also eingekreist von einem zionistisch dominierten Säkularismus auf der einen und einem fundamentalistischen Islam auf der anderen Seite.
W.G. Meister: Dieser tödlichen Umklammerung kann Europa nur entgehen. Wenn es seine christlichen Wurzeln wieder entdeckt.
Gerlinde Wolf: Wo liegen die? Es gibt doch kaum mehr Christen in Europa?
W.G. Meister: Auf den ersten Blick sieht es so nus. Das kann sich in Notzeiten aber schnell ändern.
Gerlinde Wolf: Wollen Sie einen christlichen Gottesstaat? Sind Sie womöglich ein christlicher Fundamentalist?
W.G. Meister: Das Christentum ist in seiner politischen Konsequenz eine Religion der Mitte. Es will keine völlige Verbindung von Religion und Staat und will dem Menschen die Freiheit lassen, sein Heil selbst zu suchen. Auf der anderen Seite aber lehnt es einen Staat ab, der ohne jegliche Verantwortung die heidnische Verwahrlosung seiner Bürger geschehen läßt oder diese sogar selbst betreibt, wie das heute der Fall ist. Am meisten entspricht dem Christentum heute eine liberale Demokratie mit christlicher Grundorientierung bzw. christlich-europäischer Leitkultur.

Religion in der Schule
Forum Demokratischer AtheistInnen (Hrsg.)
Mission Klassenzimmer
(2005, Alibri in Aschaffenburg, 212 S., 14,50 €)
Ein Einblick nicht nur in Schulen. Dort aber liegt der Schwerpunkt mit einer Kritik an sog. Alternativen Pädagogikkonzepten und an Einzeleinflüssen, die auch außerhalb der mit Extrakapiteln abgehandelten Montessori- und Waldorfschulen zu finden sind. Nicht vergessen wurden manipulative Bildungsinhalte, die die Anpassung an kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse verbessern sollen – ganz offiziell an Schulen und Volkshochschulen gelehrt. Einigen Kapiteln fehlt eine stringende Gedankenfolge, so etwa dem letzten über den Dauerbrenner Evolutionstheorien. Grund dürfte sein, dass der Band Beiträgen eines Kongresses dokumentiert.

Ulf Faller
Der Kruzifixstreit oder Warum Schule säkular sein muss
(2014, Tectum in Marburg, 187 S., 17,95 €)
Sollen Glaubenssymbole, noch dazu nur aus einer religiösen Richtung, im Klassenzimmer hängen? Darüber tobt ein erbitterter Streit, sowohl in der Öffentlichkeit wie auch vor Gericht. Das Buch zeichnet die bisherigen Debatten nach, druckt Urteile, Kommentare und Berichte in vielen Zitaten ab. Einige Beispiele werden genauer ausgeführt, hinzu kommen Ausführungen und Textauszüge zu den politischen und ideellen Fragen, die hinter dem Streit stehen. Unter anderem geht es um das Grundgesetz und religiöse Neutralität.

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