Stiftung Freiräume

MENSCH - NATUR - TECHNIK

Wissen(schaft) und Fortschritt


1. Was ist Natur?
2. Technik: Heilsbringer, teuflisch oder einfach nur Werkzeug?
3. Wissen(schaft) und Fortschritt

Was für die Technik gilt, kann auf den gesamten Bereich von Wissenschaft und gesellschaftlichem Fortschritt übertragen werden. Der besteht entgegen häufiger Darstellung nicht nur aus technischem Fortschritt, sondern jede Weiterentwicklung von Handlungsmöglichkeiten stellt einen Fortschritt dar. Ob sie emanzipatorischer Natur ist, anderer oder gar gegenteiliger, ist im Begriff des Fortschritts nicht festgelegt. Als Gegenkraft, also Rückschritt oder Verhinderung von Fortschritt, können alle Einflüsse beschrieben werden, die die Entfaltung menschlicher Produktivkraft hemmen, also z.B. eine aktuelle Situation festschreiben oder sogar zu einer früheren Lage zurückdrehen wollen. Gesetze und Normen gehören zu solch konservativen Elementen, ebenso Apparate, die über die Einhaltung einer bestehenden Ordnung wachen und Innovationen abwehren. Dabei wären Letztere nicht nur in der Technik, sondern gerade wichtig auf dem Gebiet der sozialen Interaktion. Doch leider tut sich da wenig: Streitkultur, verständige Kommunikation, Kooperationsanbahnung und viele andere soziale Prozesse bedürfen unbedingt neuer Impulse und Methoden, sind sie doch stark verkümmert in einer nur zu Profit und Macht strebenden Welt.

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 141)
"Fortschritt", so wurde bereits dargelegt, bemessen Anarchisten nicht ausschließlich an der fortschreitenden Produktivkraftentwicklung; das Fortschrittskriterium ist die individuelle und soziale Emanzipation, und damit ist auch die soziale Integration, die Gemeinschaft selbstbestimmter Individuen gemeint.

Georg von der Osten, "Naturschutz - warum?"
Fortschritt kann formal verstanden werden als Gewinn von Differenzierung, entsprechend bedeutet Verlust von Differenzierung Rückschritt.

Worte von Galilei in Bertolt Brechts Roman "Leben des Galilie"
Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden (…). Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein.

Im Original: Wissenschaft und soziale Dynamik
Aus dem Potsdamer Manifest, das im Einstein Jahr 2005 veröffentlicht wurde, zitiert in Altner, Günter (2009): "Charles Darwin und die Instabilität der Natur",VAS in Bad Homburg (S. 58 und 82)
Die modernen Gesellschaften befinden sich in einem Kalten Krieg gegen Vielfalt und Wandel, Differenz und Integration, gegen offene Entfaltung und die Ausgleichsbewegungen durch Risiken und Chancen hindurch: also gegen alles, was die lebendige Evolution in der Natur und mit ihr die Menschen bestimmt, bis hinein in den 'prä-lebendigen' Grund, der uns und alles Leben trägt. ...
Wir müssen verengte und mechanistische Strategiemuster, Reduktionen, Mittelwertsbildungen fallen lassen und sie ersetzen durch Beweglichkeit, Offenheit und Empathie, um neue offen gestaltbare Schöpfungs und Handlungsräume zu ermöglichen. Das öffnet uns ein Füllhorn echt kreativer Lebendigkeit, integriert durch organismische Kooperation.


Aus "Der Penis als Konzept – Zwei Herren spielen der Genderforschung einen Streich", auf: ScienceBlogs
Die beiden verfassten unter den noms de plume Peter Boyle und Jamie Lindsay, mit denen sie sich als Wissenschaftler der frei erfundenen Southeast Independent Social Research Group ausgaben, einen völlig absurden, nachgerade albernen Artikel mit dem Titel „The conceptual penis as a social construct“ (Ü: Der konzeptionelle Penis als soziales Konstrukt) voller haarsträubender Formulierungen und Behauptungen, der nach seiner offenbar günstigen Begutachtung tatsächlich zur Veröffentlichung angenommen wurde und das, obwohl die Autoren ihn auf eine Weise verfaßt hatten, die geeignet war, eine Publikation als besonders unwahrscheinlich erscheinen zu lassen.

Nicht zum ersten Mal wird die Unterscheidung interessant, wem eigentlich das Ganze dient. Heutiger Fortschritt stärkt abstrakte Werte und Kollektivitäten, z.B. einen Konzern oder eine Nation. Die meisten, auch die technischen Innovationen der Menschheit entsprangen aber nicht deren kalten, geldangetriebenen Herzen, sondern dem TüftlerInnen, die aus Interesse, Neigung oder dem Willen für ein besseres Leben (für sich oder konkrete andere Personen) Neues entwickelten.

Im Original: Woher kommt Fortschritt?
Der meiste Fortschritt kommt von den Menschen, nicht aus den Laboren der Konzerne!
Aus Matthias Horx (2008): "Technolution" (S. 95)
General Electric gründete 1901 ein entsprechendes Labor, DuPont 1902, Bell 1911, Kodak 1913 und General Motors 1919. Diese Labore waren zwar in der Regel nicht für die großen Durchbrüche oder die Ersteinführung innovativer, zukunftsweisender Technologien verantwortlich. Sie entwickelten jedoch die vorhandenen Technologien konsequent weiter, verfeinerten sie und passten sie an die Bedürftnisse der industriellen Produktion an.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München (S. 99)
In der gesamten vernetzten Weit ist, wie Lawrence Lessig so treffend dargelegt hat, die Idee der Commons unerlässlich, wenn der Innovationsprozess auch ohne Erlaubnis der Betreffenden, das heißt der etablierten Akteure, voranschreiten soll. Diese aber versuchen, den Innovationsprozess so zu begrenzen, dass die Technologie sich nur entsprechend ihrer eigenen Geschäftspläne entwickelt.

Aus Annette Ohme-Reinicke (2012): "Das große Unbehagen", Herder in Freiburg (S. 14-23)
Fortschritt und Kritik
Trotz ihrer vielen Erfindungen gelten die Schwaben als ein bisschen provinziell und nun protestieren sie auch noch gegen ein technisches Großprojekt, das für Fortschritt steht. Den Vorwurf, sie seien der Zukunft gegenüber verschlossen und fortschrittsfeindlich, mussten sich Gegner technischer Großprojekte allerdings schon immer anhören. Grund genug, sich zunächst einmal anzusehen, was es mit der Rede vom Fortschritt überhaupt auf sich hat. Daher werden zunächst die Besonderheiten technischer Großprojekte dargestellt, bevor ich auf die Sozialpathologien hinweise, die allgemein mit der technischen Modernisierung der Gesellschaft einhergingen. Die Ausflührungen über das Verhältnis bestimmter Teile der Arbeiterbewegung sowie der Reformbewegung runden dieses Kapitel ab.

Fortschritt, was ist das?
Unsere Vorstellung von Fortschritt als einem Ideal, als Zukunft, als Weg, den die gesellschaftliche Entwicklung zu nehmen habe, ist relativ jung. Diesen Begriff oder besser: diese Benennung gibt es im Deutschen erst seit dem 18. Jahrhundert. Freilich wurde schon vorher das Wort Fortschritt gebraucht, erstmals nachgewiesen 1642, nicht aber als eine vorsichgehende Entwicklung, sondern eher als räumliches Verhalten. Nun aber wurde Fortschritt mit Zukunft assoziiert. Mit einer Zukunft, die linear verläuft, hinein in einen offenen geschichtlichen Prozess, der sich stetig zum Besseren, so die Vorstellung verändert. Eine bedeutende Funktion wird dabei dem Werkzeug "Technik" zugedacht, mit ihm sei dieser "Fortschritt " zu machen. Bis zum 18. Jahrhundert aber hatte es die Vorstellung eines Weges der menschlichen Entwicklung als selbsttätig eingeschlagener, nach vorn und ins Offene gerichteter, gar nicht gegeben. Das religiöse Weltbild sah vielmehr anzustrebende Ideale nicht als eine irdische Angelegenheit, sondern als eine himmlische an. Während wir heute gewissermaßen linear denken, gab das religiöse Weltbild ein Denken von unten nacb oben vor. Denn der zu beschreitende Weg des Menschen würde mit dem Eintreten in das Reich Gottes sein Ende gefunden haben. Zukunft, so die Vorstellung, könne es nicht auf Erden geben, sondern nur "bei Gott", im Reich Gottes.
Zwar hatten schon die Griechen und Römer zahlreiche Begriffe, die ein Fortschreiten in einem bestimmten Sach und Erfahrungsbereich bezeichneten. Etwa "prokope", "epidosis", "progressus" oder "profectus". Allerdings war hier nicht ein Fortschrittsprozess in eine bessere Zukunft hinein gemeint, sondern ein Vor sich Gehen naturwüchsig verlaufender zyklischer Bewegungen. Auch im Altertum handelt es sich immer dort, wo von Fortschritt gesprochen wurde, um einen Rückblick, nämlich den Vergleich früherer Verhältnisse mit gegenwärtigen. "Wir finden also ( ... ) ein relatives Fortschrittsmodell, das aus der vergangenen Geschichte und aus dem Vergleich mit den gleichzeitig lebenden Barbaren die Einzigartigkeit und Einmaligkeit der von den Hellenen erreichten Zivilisationsstufe erkennen läßt. Aber der Weg führt nicht in die Zukunft." (Koselleck 2010: 164) Dort, wo in der Antike Fortschritte gesehen wurden, waren sie immer nur partielle, etwa bezogen auf Wissenschaft oder die Befriedung des Mittelmeerraumes durch die "Pax Romana". Diese "Fortschritte" waren auch nicht als gesamtgesellschaftlicher Prozess gedacht. Sie beinhalteten zwar Dauer und Sicherheit, nicht aber eine bessere Zukunft.
Sowohl Heiden wie Christen hegten diese Vorstellung. Die gläubigen Christen erschlossen sich zwar einen neuen Zukunftshorizont in der Erwartung des himmlischen Jerusalem, doch dieses Reich verwirkliche sich erst nach dem Ende der Geschichte. "Dort, wo die Theologien von sprachen, weniger von , bezog sich dieser Fortschritt auf das Seelenheil. So verglich Augustinus das Gottesvolk in biologischer Metaphorik mit einem Menschen, der von Gott erzogen werde. Von Altersstufe zu Altersstufe schreite das Gottesvolk in der Zeit voran, um sich darauf kommt es bei dieser Metapher an vom Zeitlichen zur Erfahrung des Ewigen zu erheben, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren aufzusteigen." (Koselleck 2010: 165) Fortschreiten, Entwicklung wurde nicht im stofflichen, horizontalen Durchschreiten und Entwickeln der Gesellschaft, der Welt gesehen, sondern in der Einswerdung mit den Himmlischen. "In vitae non progredi, retrogredi est." (Es ist im Leben nicht fortzuschreiten, sondern zurückzuschreiben.), so der Kirchenvater Bernhard von Clairvaux. (zit in: Koselleck 2010: 165) Fortschritt ist stets auf das Reich Gottes bezogen und hat nichts mit dem zeitlichen Reich in der Welt zu tun. Weiterentwicklung finde einzig in der Seele statt und lasse sich auch nicht berechnen. "Perfectio non in annis, sed in animis." (Vollkommenheit findet sich nicht in einer Abfolge von Jahren, sondern in der Seele.), so Paulinus von Aquileia ca. 795. (in Koselleck 2010: 166) Dieser Sprachgebrauch lässt sich aus der Zweiweltenlehre ableiten, das Reich Gottes und das der Welt. "Die Zukunft ist nicht die Dimension des Fortschritts, sondern des Weltendes, dessen Vorzeichen immer wieder gesucht und immer wieder von neuem gefunden wurden." (Koselleck 2010: 166) Als Grunderfahrung galt, dass die Welt insgesamt altere und ihrem Ende entgegengehe. Die irdische Zukunft wurde daher nicht als endlos fortschreitend ausgelegt.
FN: Auch die Maya Indianer übrigens dachten Entwicklung als zyklischen Verlauf Einer der berechneten Zyklen endet im Dezember 2012. Das bedeutet aber keineswegs einen "Weltuntergang", sondern lediglich den Beginn eines neuen Zyklus.
Auch in den Lehren Joachim von Fiores etwa, der ein wichtiger Vorläufer und Impulsgeber Rir die Bauernaufstände und die folgende Reformationsbewegung war, findet sich die Vorstellung endlicher Zukunft, die in drei Etappen verlaufen würde: das vergangene Reich, das gegenwärtige und das zukünftige Reich Gottes, mit dem die Geschichte ihr Ende gefunden habe. Es ist ein geschlossener Prozess, dessen Ausgang eben nicht offen ist, sondern der durch eine bestimmte Stufenfolge gekennzeichnet und schließlich abgeschlossen ist. Denn an seinem letzten Ausgang werde sich das Reich Gottes verwirklichen. Damit, so die logische Konsequenz, hätte sich die geschichtliche Entwicklung vollendet. Hier haben wir immerhin die Aussicht, Verbesserungen als irdische zu erleben, doch mit der Verwirklichung des letzten Reichs war auch für Fiore das Ende der Geschichte erreicht.
FN: An dieser Idee setzt übrigens die Kritik am "chiliastischen Denken", der Vorstellung von einem kommenden Reich an, die auch in diversen Revolutionsvorstellungen tragend ist: Die Unterdrückten durchschreiten voller Entbehrungen und Kampf ein Jammertal, um schließlich erlöst in einem neuen gesellschaftlichen Zustand aufzugehen. Der erstrebenswerte Zustand ist auf eine Zeit "danach" vertagt und die Erwartungshaltung wird so übermächtig, dass die Realität an Bedeutung verliert. Der Philosoph und Mitbegründer der Anti Atomtod Bewegung, Günter Anders, wunderte sich, warum trotz der atomaren Bedrohung in den 50er Jahren lediglich eine Handvoll Wissenschaftler diese Bedrohung als solche wahrnahmen und kritisierte das Denken "der Revolutionäre ( ... ) ausschließlich auf den Zustand nach dem Ende ". (Anders 1985: 277) Da sich aber eine Fortschritts-gläubigkeit durchgesetzt hatte, so Anders, wurde ein Ende gar nicht mehr gedacht. "Zur Fortschritts Mentalität gehört also eine ganz spezielle Idee von , nämlich die Vorstellung des niemals abbrechenden Besser Werdens der Welt; bzw. ein ganz spezieller Defekt: nämlich die Unfähigkeit, ein Ende auch nur zu meinen." (Anders 1985: 279)
Das neuzeitliche Fortschrittsdenken dagegen unterscheidet sich grundlegend von dem religiösen Verständnis darin, dass nun eben nicht mehr das Ende der Welt erwartet, sondern eine für die Menschheit offene Zukunft gesehen wurde. Der geistliche "profectus " wird von einem weltlichen "progressus " abgelöst. Diese Umdeutung geschieht während der gesamten frühen Neuzeit, im Laufe von 250 Jahren, bis zur Französischen Revolution. Während der Renaissance entstand zwar bereits das Bewusstsein einer neuen Zeit, nicht aber das einer besseren Zukunft. Erst durch die zunehmenden Naturerkenntnisse wandelte sich das Verständnis. Und nun kommen auch Wissenschaft und Technik, ja der " technische Fortschritt" verstärkt ins Spiel. Zwar bleibe die Natur gleich, so die Vorstellung, doch ihre Beherrschung werde durch Entdeckungen methodisch vorangetrieben. "Vergangenheit und Zukunft unterschieden sich seitdem qualitativ voneinander, und insofern wird eine genuin geschichtliche Zeit entdeckt, die schließlich im Fortschritt auf ihren ersten Begriff gebracht worden ist. " (Koselleck 2010: 167)
Mit den Tatbeständen des Fortschreitens zu einem Besseren hin wurden etwa die Erfindung des Buchdrucks und die Verbreitung der Lektüre verbunden, die Erfindung des Kompasses, des Fernrohres und des Mikroskops, die Durchsetzung der Experimentalwissenschaften, die Landnahme in Übersee und der Globus, der Streit der modernen Kunst mit der alten, der Aufstieg des Bürgertums, die Entwicklung von Kapitalismus und Industrie. Giordano Bruno und Galileo Galilei legen Zeugnis davon ab, wie neue technische Erfindungen dazu beitrugen, die Ideologien der Kirche zu brechen. " Fortschritt " war zu einem Begriff geworden, einem Kollektivsingular, der die Erfahrung mit der neuen Zeit in einem Wort zusammenfasste.
Doch erst seit dem 18. Jahrhundert hatte sich die Auffassung verbreitet, dass Fortschritt allumfassend und anhaltend sei. Damit ging allerdings eine gewisse Unruhe, nämlich die Vorstellung einer Ungleichzeitigkeit einher. Nun sah sich die eine Generation als vorauseilend oder zurückbleibend an; Länder, Kulturen und Kontinente wurden verglichen, um daraus Schlüsse für den eigenen Fortschritt zu ziehen. Zum ständigen Thema der Fortschrittsdiskussion wurde überdies die Diskrepanz zwischen Entfaltung der Wissenschaft und deren moralischer Beherrschung. Kurz: ein Wetteifern um die Herstellung bestimmter Zustände, die als "fortschrittlich", als Maßstab setzend gesehen wurden, begann. Das Fortschrittsdenken beinhaltete somit das Prinzip der Konkurrenz.
Hier intervenierte Hegel: "Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben." (Hegel 1970, Bd. 12: 32) Dabei ist Fortschritt für Hegel kein äußerliches Vorsichgehen, das nur die richtigen technischen Mittel braucht. Fortschritt, als Prozess eines Werdens, vollziehe sich vielmehr in der aktiven Entwicklung bestimmter Bewusstseinsformen, die sich in entsprechenden Tätigkeiten ausdrücken. Grundlage ist allerdings das Gewahrwerden des Einzelnen, den Anderen in seinem Anderssein zu brauchen, um selbst werden zu können. Nur auf der Grundlage des Anerkennens des Anderen als freies Individuum kann der eine selbst frei, das heißt selbstständig, sein. "Erst durch das Freiwerden des Knechtes wird ( ... ) auch der Herr vollkommen frei." (Hegel 1970, Bd. 10: 227) Der Vollzug dieser Erkenntnis, dieses Zusammenlebens, basiert auf und ist zugleich die Vernunft. Sie beinhaltet die Sorge um das Allgemeinwohl, denn sie ist "die Gewißheit seiner selbst als unendliche Allgemeinheit." (Hegel 1970, Bd. 10: 229)
FN: Dass die Obrigkeit vernünftig handelnde Menschen als Gefahr betrachtete, wird an der Reaktion des damaligen Königs deutlich, der Immanuel Kant mit einem" Spezialbcfchl" versehen hatte, sich zukünftig jeden Gebrauchs der Vernunft zu enthalten, ansonsten drohe Berufsverbot.
Nach Hegel vollzieht sich Entwicklung nur als Streit, als permanenter und nicht abschließbarer Aushandlungsprozess um Regeln, der sich als Recht materialisiert ohne jemals den Zustand der Gerechtigkeit abschließend zu verwirklichen. Dieses Aushandeln im Streit ist zu verstehen als die "wirkliche Bewegung", als Verlauf der Geschichte selbst. Wobei sich das Recht, als wirkliches Recht nicht etwa als Instrument der Machtsicherung eben nur "irn Bewusstsein der Freiheit "verwirklichen kann und für Veränderungen stets offen bleibt. Hegel spekulierte aber nicht über den Fortgang der Geschichte, sondern benannte das Prinzip der sich entwickelnden Geschichte, deren agonale Struktur. Fortschreiten war ihm keine unbestimmte Bewegung ins Unendliche, sondern zugleich ein Zurückkehren in sich selbst. "Es ist eine notwendige Täuschung, das Tiefe zuerst in der Gestalt der Entfernung suchen zu müssen; aber die Tiefe und Kraft, die wir erlangen, kann nur durch die Weite gemessen werden, in die wir von dem Mittelpunkte hinwegflohen (...) und dem wir wieder zustreben". (Hegel 1970, Bd. 4: 321) Ein Aushandeln dessen., was Recht ist, und ein Kampf um die Entwicklung bestimmter Bewusstseinsformen finden eben immer noch und immer wieder statt. Davon handelt ja auch dieses Buch.
Hegels Interventionen blieben weitgehend inarginal, obgleich einige aufmüpfige Zeitgenossen ebenfalls die mit dem Fortschritt versehenen Heilserwartungen in Frage stellten. "Jeden Tag predigt auch jede Zeitung ohne Ausnahme den Fortschritt", und die Menge blöke wie eine Hammelherde "bä, bä, bä, d.h. zu deutsch Fortschritt" dreimal hinterher. Nur das neue Wort "Errungenschaft" sei noch " weit dümmer." (Meinhold, zit. in: Koselleck 1979: 409) Heinrich Heine meinte 1833, der Glaube an den Fortschritt sei "die neue Religion." (Heine 1833: 328, zit. in: Koselleck 1979: 411) "Wenn der Satz mit sichtlichem Wohlbehagen von einem ganzen Volke als Wahrheit ausgesprochen werden soll, so müssen die Verhältnisse ganz anderer Art sein als sie gegenwärtig sind. Die Maschinen zum Beispiel müssen als faktische Wohltat für das Volk betrachtet werden können ( ... ) dann, nur dann kann man mit innerer Zufriedenheit sagen: .", so der Buchdrucker Oskar Skrobek 1848. (zit. in: Spehr 2000: 154)
Doch blieben derlei Kritiken und Einsprüche ohne nachhaltige politische Wirkung. Stattdessen wurde "Fortschritt" besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Leitbegriff und zu einem Schlagwort, ja zu einer Ersatzreligion. Die bürgerliche Revolution war niedergeschlagen und die Industrialisierung konnte sich Bahn brechen. Dampfmaschine und Eisenbahn traten ihren Siegeszug an. Man sah sich mehrheitlich affirmativ im Strom einer sich naturgesetzlich vollziehenden Entwicklung, die "Fortschritt" genannt wurde. "Insofern zählt der Fortschritt zu den modernen Bewegungsbegriffen, die ihr Erfahrungsdefizit durch Zukunftsprojektionen kompensieren." (Koselleck 1979: 417) Auf der Ebene der Alltagssprache wurde "Fortschritt" zu einem überpersonalen Vollzugsorgan des Geschehens. Undurchschaubares wurde oft mit den Worten erklärt: "Das kommt halt vom Fortschritt."
Alles in allem ist und dies ist das Entscheidende die Rede vom Fortschritt zu einer allgemeinen Metapher geworden, die " spezifisch darauf gerichtet ist, moderne Erfahrungen zu bewältigen, daß nämlich die überkommenen Erfahrungen in erstaunlicher Geschwindigkeit von neuen überholt werden". (Koselleck 2010: 161) Man könnte auch von einem ins Positive gewendeten Platzhalter für das Wort "Krise" sprechen, im Sinne vom altgriechischen "krinein", unterscheiden, absondern. Alte Deutungsmuster der sozialen Wirklichkeit hatten keine Gültigkeit mehr, neue waren noch nicht gefiinden.
Im herrschenden politischen Diskurs wird gemeinhin suggeriert, es gebe einen, es gebe "den" Fortschritt, der zu bejahen sei. Das hat freilich seine ideologische Seite. Denn technische Erfindungen, insbesondere technische Großprojekte, lenkten immer wieder von den realen Sorgen und Nöten ab. Bereits Kaiser Wilhelm verknüpfte ein technisches Großprojekt, die Schlachtflotte, mit einer gesellschaftlichen Mobilisierung zugunsten seiner imperialen Pläne. 1896 hatte er verkündet, Deutschland solle Weltmacht werden. Ab 1898 wurden "Flottenvereine" gegründet, die im Oktober 1908 immerhin über eine Million Mitglieder im Deutschen Reich hatten. Der Erfolg dieser Mobilisierung zeigte sich etwa darin, dass selbst in den entlegensten Gebirgsdörfern Kinder mit Matrosenanzügen herumliefen.
FN: Auch das technische Großprojekt "Schlachtflotte" stellte sich als technisch nicht besonders effizient heraus. Und als Ende Oktober 1918 ein Angriff auf die Flotte Großbritanniens befohlen wurde, verweigerten die Matrosen aus Kiel den Gebotsam. Der Kieler Matrosenaufstand wurde zum Beginn der Novemberrevolution und zum Anfang vom Ende des Kaiserreichs.
Auch der Zeppelin, begeistert gefeiert, diente zur Einstimmung auf den kommenden Weltkrieg. Raketenprogramme faszinieren und fördern die Identifikation mit den verantwortlichen Regierungen, stellen aber keinerlei soziale Verbesserungen dar. Hinter der Technikemphase soll auch die Frage verschwinden, wer von technischen Entwicklungen wirklich einen Nutzen hat. Denn tatsächlich hinkt die Mehrheit der Bevölkerung "dem Fortschritt", der technologischen Entwicklung, stets hinterher. Sei es, weil sie mit Erfindungen konfrontiert wurde, die nicht mehr rückgängig zu machen waren, sei es, weil sie sich die Umsetzung gigantischer technischer Projekte gar nicht vorstellen konnte. Letzteres brachte etwa der Flößermeister Willibald in einer Versammlung 1909 wegen des Baus eines Wasserkraftwerks am bayrischen Wilchensee zum Ausdruck, indem er erklärte, "dass ein Großteil der Bevölkerung im Isartal einfach nicht an die Realisierung eines so gigantischen Projekts glaube ". (Falter 1988: 73)
FN: Anders drückte es Karl Kraus aus: "Die Quantität verhindert auch jede Auflehnung gegen sie. Nicht die Drohung, sondern das Dasein des Maschinengewehrs unterdrückt die Besinnung der Mcnschenwürde." (Nachts Aphorismen, 1968) Und Naomi Klein betitelte ein Buch nach diesem Phänomen: "Schock".
Und auch den Bau der Berliner Mauer die ja von der DDR-Regierung als Fortschritt gefeiert wurde hielten viele Betroffene für unmöglich oder für nur vorübergehend. Es herrschte Ungläubigkeit und Entsetzen.
FN: Unsinn, werden Sie, der geneigte Leser nun vielleicht denken, schließlich hat die Berliner Mauer nichts mit Fortschritt zu tun. Eben! Was für die einen Fortschritt ist, löst bei den anderen oft blankes Entsetzen und Verdrängung aus. Und was Mauern angeht: Die Chinesische Mauer hat ein rühmlicheres Schicksal als die DDR Mauer. Erstere wird als Weltwunder verehrt.
Die Mehrheit der Bevölkerung jedenfalls kann auf die technologische Entwicklung, oder konkreter: auf die Verwertung von Wissenschaft und Technik im Interesse von Profitmaximierung und/oder Prestigegewinn, meist nur reagieren.
Dass sich die Heilserwartungen an "den Fortschritt" als einer Entwicklung hin zu einem besseren Zustand , seien sie politisch ideologisch gehegt oder als Naturgesetz verinnerlicht, nicht erfüllt haben, das zeigt schon ein Blick auf die weltweite Versorgung: Fast eine Milliarde Menschen ist schwerstens unterernährt, jeder siebte Mensch der Weltbevölkerung leidet an Hunger, alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Unterernährung, 800 Millionen Menschen leben in Slums ohne sauberes Trinkwasser. Trotz verschiedenster technischer Erfindungen sind wir somit nicht einmal in der Lage, ein primäres Bedürfnis der Menschen zu befriedigen, nämlich das nach Ernährung. Technisch wäre das längst möglich.
FN: Zugleich ist die weltweite Zahl der an Adipositas Erkrankten, der Fettleibigen, seit diesem Jahr erstmals höher als die der Hungernden.
Wer kann da zu recht behaupten, dass " der Fortschritt " tatsächlich allen dient?
Freilich ist hier die Auseinandersetzung um " den Fortschritt "längst nicht ausführlich dargestellt.
FN: Unerwähnt bleiben mussten "Klassiker" wie die "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer oder "Zur Kritik der instrumentellen Vernunft" von Horkheimer.
Doch deutlich geworden sein sollte vor allem, dass das Wort "Fortschritt" im Alltagsgebrauch vornehmlich eine Metapher für Veränderungen von Arbeits und Lebensgewohnheiten darstellt, deren Hintergrund oft nicht durchschaut, nicht bewusst ist. Die Möglichkeit für Zustimmung oder Ablehnung war und ist den Menschen mehrheitlich gar nicht gegeben. Stattdessen setzte sich die Auffassung durch, diese Veränderungen, der "Fortschritt", vollziehe sich als Schicksal und beinhalte "automatisch" eine Entwicklung hin zu einem besseren Zustand. Unbegriffene Veränderungen, die sich auf der Ebene der Alltagserfahrung abbilden, wurden und werden oftmals im Wort vom "Fortschritt" gefasst. "Das ist der Fortschritt." Damit war ein Wort gefunden für etwas, das unbegreiflich erschien. Denn Benennung wirkt beschwichtigend. Das sieht man etwa an der Reaktion von Kindern, die sich vor etwas fürchten. Eine Erklärung wie: "Das ist der Donner", wirkt oft Wunder, die Furcht ist weg, auch wenn der Donner bleibt. Und so erfüllt das Benennen einer unbekannten Erscheinung die Funktion einer Beschwichtigung, ja Versöhnung mit dem Unbegriffenen. Vordergründig freilich, denn ein Unbehagen das zeigen ja die Auseinandersetzungen und Proteste gegen technische Großpro-jekte, die sich scheinbar plötzlich Bahn brechen bleibt trotzdem und sucht sich Wege der Artikulation.
"Den" Fortschritt gibt es nicht und hat es auch nie gegeben. Was es gab und gibt, sind Veränderungen des Alltags aufgrund technischer Erfindungen, die sich massiv auf die Gewohnheiten der Menschen auswirken und zu einer Veränderung des Lebens zwingen. Die Umsetzung technischer Erfindungen wird oft als ein Hereinbrechen erlebt, zumal der Großteil der Gesellschaft nicht am Entstehen oder an der Entwicklung dieser Neuerungen beteiligt ist. Vorhergehende Aushandlungsprozesse haben, gerade was die Umsetzung großer technischer Innovationen angeht, selten stattgefunden, weder um die Einführung des Fließbandes, noch den Bau von Kraftwerken, der Biotechnologie und so weiter. Oft wurde versucht, soziale Konflikte und mögliche Proteste zu vermeiden oder politischen Legitimationsverlust wieder gut zu machen. Die Einrichtung von Sanierungsbüros oder der Technikfolgenabschätzung sind hierfür Beispiele.
So ist die Unterstellung, Kritiker technischer Großprojekte seien "fortschrittsfeindlich", schlicht unsinnig. Vielmehr werden durch Kritik und Protest politische Aushandlungsprozesse darüber eingefordert, wie mit technischem Wissen umgegangen und wofür es eingesetzt werden sollte.
Das "Hereinbrechen" des "Fortschritts" wird am Beispiel technischer Großprojekte besonders evident. Hier konzentrieren sich wirtschaftliche, staatliche und wissenschaftliche Interessen in historisch völlig neuen Dimensionen. Dies mag ein Grund dafür sein, dass diese Projekte oftmals zu manifesten Symbolen für jenen "schleichenden" Fortschritt werden, der längst in die Alltagsgewohnheiten und die privatesten Räume eingedrungen ist.


Die ungeheuren Geldmengen, die heute in die Wissenschaft gepumpt werden, und die Macht der Konzerne, spätere Anwendungen über die Anmeldung oder den Aufkauf der Patente zu steuern, haben aus der Wissenschaft eine reine Hilfstruppe kapitalistischer Interessen gemacht. Kein Uni-Institut und auch keine kleine Privatorganisation ist davon frei. Wissenschaft ist heute meist käufliche Forschung aufgrund des Zwanges, durch sie das Überleben der beteiligten Personen und des Kollektivs in Form der Firma, Organisation oder des Uni-Fachbereiches zu sichern. Nicht die Wissenschaft, sondern diese Ausrichtung ist das Problem. Die aber ist wiederum gesellschaftlich geformt, d.h. in der Wissenschaft spiegeln sich die Einflussfaktoren wieder, die auch an anderen Stellen aus der menschlichen Gesellschaft eine große Maschine von Profit, Verwertung und totaler Kontrolle geformt haben.


Wissenschaft und wissensbasierte Politik
Aus K.M. Meyer-Abich, "Die Zukunft des Menschen in der Geschichte der Natur" (S. 17)
Nehmen wir einmal an, daß die Mediziner uns zuverlässig sagen könnten, wieviele Menschen wieviele Monate fniher sterben würden, wieviele Menschen wieviele Tage bestimmte Krankheitsverläufe haben würden und wieviele Menschen ansonsten in welcher Weise beeinträchtigt würden, wenn ein bestimmter Grenzwert nicht auf 0.12 mg/m3, sondern auf 0.20 mg/m3 Luft festgelegt würde - was wäre damit gewonnen?
Gewonnen wäre eine - angesichts unserer wissenschaftlichen Möglichkeiten unwahrscheinlich genaue ~ Information, aber die Entscheidung bliebe auch dann immer noch eine sogenannte 'politische' Entscheidung, oder jedenfalls keine nedízinisch begründbare Entscheidung. Denn wie wollte man medizinisch begründen, wieviele Krankheiten, verfrühte Tode und Belästigungen um welcher weitschaftlichen Erfolge willen in Kauf genommen werden dürfen und welche nicht, in welchen Fällen eine Umsiedlung in weniger belastete Gebiete zumutbar ist und in welchen nicht usw.?


Aus Dieter Birnbacher, "Was kann Verantwortung ..." (S. 93f)
Das Stichwort 'Naturalistischer Fehlschluß' bezeichnet die Tatsache, daß keine wissenschaftliche oder andere rein deskriptive Aussage dan ber, daß sich das System Natur in einem bestimmten Zustand befindet, mit logischer Notwendigkeit eine bestimmte Bewertung dieses Zustands als wünschenswert oder nicht wünschenswert, gut oder schlecht erzwingt. Die logische Kluft zwischen Aussagen, die Sachverhalte beschreiben, und normativen Forderungen, die Bewertungen ausdrücken und zu Handlungen auffordern, ist unüberbrückbar. Das heißt: Werden Ökologie oder Medizin als rein deskriptive Wissenschaften von der Struktur und Funktion bestimmter komplexer Systeme verstanden, können sie an sich selbst keinerlei Aussagen darüber machen, welche Systemzustände smbilisiert oder modifiziert werden sollten, wieviele Lungenkrebsfàlle mehr wir für wieviele Arbeitsplätze mehr in Kauf nehmen sollten ...
Zu einem ,naturalistischen Fehlschluß' lädt vor allem ein Begriff wie der des Gleichgewichtes ein, der an sich rein deskriptiv funktioniert, aber zumal von ökologischen Laien nur allzu leicht normativ gedeutet wird, so als wäre ,Gleichgewicht' eo ipso der einzig wünschenswerte, schlechthin optimale Zustand eines Systems, den es nur möglichst lange aufrechtzuerhalten bzw. möglichst rasch wiederzuerlangen gelte. Aber wie die Medizin uns stets nur sagen kann, wie wir leben müssen, wenn wir so gesund bleiben wollen, wie wie es für richtig halten, nicht aber, wie gesund wir leben sollen, so kann uns auch die Ökologie stets nur sagen, wie sich die Natur unter bestimmten Bedingungen verhält, nicht aber, was für eine - eine wie stabile, wie produktive, wie weit differenzierte - Natur wir haben sollen.

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